Kompetenzorientierung

Indiz pädagogischer Orientierungslosigkeit

von Volker Ladenthin

Zum Werdegang und zur Notwendigkeit eines aktuellen Leitbegriffs 

Seit einigen Jahren erleben wir die Umgestaltung aller Lehrpläne zu sogenannten Kompetenzlehrplänen. ‘Kompetenz’ ist zu einem bildungspolitischen Schlüsselwort geworden. Oft lediglich als rhetorische Aufrüstung der bekannten ‘Fähigkeiten und Fertigkeiten’ verstanden und verwendet, hat es inzwischen Signalfunktion.

Wer von ‘Kompetenz’ spricht, will etwas anderes:  Er will den radikalen Bruch mit der Vergangenheit traditioneller Lernzielbestimmungen (‘Kenntnisse, Fähigkeiten, Fertigkeiten’ dimensioniert nach ‘kognitiv, affektiv und motorisch’, hierarchisiert in drei Qualitätsstufen als ‘basal, erweitert, exzellent’). 

Diese Lernzielorientierung war mehr oder weniger schlüssig und praktikabel – die Kritik des lernzielorientierten Unterrichts hatte recht bald die Grenzen des Modells aufgezeigt (1) –, soll aber ab sofort nicht mehr gelten. Wer von ‘Kompetenzen’ spricht, will mit dem Bruch den – wie es zwar immer, aber immer auch fälschlich heißt – "Paradigmenwechsel" vom Input-System (eine Bezeichnung, die bereits auf den lernzielorientierten Unterricht, der ab ungefähr 1960 an Schulen üblich war, nicht mehr zutraf – hier wird an der Schule also etwas kritisiert, was es an ihr gar nicht mehr gab) zum Output-System: Man will nur das Produkt messen. (2)

Im Grunde will ‘man’ (3) die Schule neu erfinden; dabei sind Kompetenzen die Voraussetzung für den beabsichtigten Umbau des Bildungssystems, sodass sich zahlreiche Erwartungen mit ihnen verknüpfen: 

  • Man erwartet von ‘den Kompetenzen’ eine exakte Beschreibung, Gliederung und Quantifizierung dessen, was gelernt werden soll und gelernt wurde.
  • Weiterhin soll eine Vereinheitlichung im Bildungssystem erreicht werden: Alle Schülerinnen und Schüler an allen Schulen müssen zu gleichen Zeitpunkten die gleichen Kompetenzen besitzen – denn nur dann kann man  statistisch mit Leistungsmessungen arbeiten.
  • Kompetenzen sollen das Schulsystem vereinheitlichen, das zum Ärger vieler Politiker immer noch föderal aufgespalten ist – und zum Ärger der Regionalpolitiker von den Lehrerinnen und Lehrern individuell ausgestaltet werden kann. 
  • Schulergebnisse sollen unabhängig (getestet) werden von der Kultur, vom Nationalstaat, vom Land, von der Region, von der Herkunft, aber auch von den zufälligen Vorlieben und Eigenheit des Lehrers vor Ort. (4)

Kompetenzen sind also unverzichtbarer Baustein für die zentrale Lenkung des Bildungssystems, für die Zentralisierung und die Globalisierung. Erst auf der Grundlage von Kompetenzen ist eine Vergleichbarkeit von Bildungseinrichtungen möglich – und damit auch Wettbewerb. Von diesem aber verspricht man sich eine Qualitätssteigerung.

Kompetenzen sind eine unverzichtbare Voraussetzung für das, was die Soziologie in der Nachfolge des Rationalisierungsbegriffs von Max Weber – mit einem aktuellen Schlagwort – als ‘McDonaldisierung’ bezeichnet: Man möchte das gleiche Produkt – den Output – in der gleichen Qualität unabhängig von Voraussetzungen
und Vorlieben herstellen. Da McDonald mit diesem System weltweit sein Imperium aufgebaut hat, benutzt der amerikanische Soziologe George Ritzer für diesen Vorgang den Terminus ‘McDonaldisierung’. 

Kennzeichen dieses Prozesses sind die folgenden:

  • eine totale Ausrichtung auf Effizienz – die optimale Methode, eine Aufgabe zu lösen,
  • Kalkulierbarkeit – das Ziel muss quantifizierbar sein,
  • Voraussagbarkeit – vereinheitlichte und gleichförmige Dienstleistungen sowie
  • Kontrolle – vereinheitlichte und gleichförmige Mitarbeiter.

In diesem Konzept haben Kompetenzen eine wichtige Funktion: 

Sie sollen das Produkt sein, das Bildungsprozesse hervorbringen sollen. Um die Güte dieses Produkts neutral messen zu können, muss es vorgegebene Kriterien geben, die umgekehrt zu einer Standardisierung des Produkts führen. Ohne Kompetenzlehrpläne ist also keine quantitative Statistik über Bildungserfolge möglich.

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