Das Wechselmodell in der Praxis

So kann man im Unterricht Abstand halten

HLZ 1-2/2021

Mit dem drastischen Anstieg der Zahl der Neuinfektionen seit Mitte Oktober hat die Debatte über die Rolle der Schulen bei der Ausbreitung des Coronavirus deutlich an Fahrt aufgenommen. Dabei thematisiert die GEW Hessen schon seit Beginn der Pandemie den Widerspruch, dass für alle Bereiche des öffentlichen Lebens das Abstandhalten als oberste Prämisse zur Eindämmung der Infektionszahlen gefordert wird, dies aber seit der Wiederaufnahme des Regelunterrichts an den Grundschulen am 22.6.2020 und an allen Schulen nach den Sommerferien trotz voller Klassen nicht gelten soll. Beschwichtigungen, dass die Schulen bei der Verbreitung des Virus keine Rolle spielen, wurden vielfältig widerlegt. An den Gefahren für Schülerinnen und Schüler und ihre Familien und für das pädagogische Personal besteht kein Zweifel. Die GEW Hessen plädiert deshalb gemeinsam mit dem Landeselternbeirat und Schülervertretungen für einen Wechsel von Präsenzunterricht in verkleinerten Lerngruppen, in denen der Abstand eingehalten werden kann, und Distanzunterricht zu Hause. Wie das gehen soll, erläutert die GEW-Landesvorsitzende Maike Wiedwald auf der Grundlage konkreter Erfahrungsberichte aus hessischen Schulen.

In vielen Städten und Landkreisen wurden bereits Ende Oktober 7-Tage-Inzidenzen von 200 überschritten. Deshalb ordneten mehrere Gesundheitsämter insbesondere für die weiterführenden Schulen an, dass im Unterricht der Mindestabstand von 1,50 Metern einzuhalten ist. Damit waren die Schulen verpflichtet, auch gegen den Willen oder ohne spezifische Anordnung des Hessischen Kultusministeriums den Unterricht im Wechsel von Präsenz- und Distanzlernen aufzunehmen. Ende November galt dies unter anderem in den Landkreisen Gießen, Limburg-Weilburg, Lahn-Dill, Bergstraße, Odenwald, Main-Kinzig und Groß-Gerau und in der Stadt Offenbach.

Die GEW hat Schulleitungen, Personalräte und GEW-Vertrauensleute gebeten, über ihre Erfahrungen mit dem Wechselmodell zu berichten, um mehr über die Auswirkungen auf das schulische Lernen, für Schülerinnen, Schüler und Eltern und auf die Arbeitsbelastung der Lehrerinnen und Lehrer zu erfahren.

Aufteilung in A- und B-Gruppen

Die Schulen teilen die Lerngruppen in der Regel in A- und B-Gruppen auf, die im täglichen oder wöchentlichen Wechsel unterrichtet werden. Die Kopernikusschule Freigericht im Main-Kinzig-Kreis, eine IGS mit Oberstufe, praktiziert den täglichen Wechsel, wie Schulleiter Ulrich Mayer berichtet:
„Bei uns sind alle Klassen und Tutorien in A- und B-Gruppen unterteilt, die täglich abwechselnd die Schule besuchen, in einem Rhythmus über zwei Wochen. Bisher sind alle sehr zufrieden, weil das Schulleben im Großsystem mit 2.500 Schülerinnen und Schülern deutlich entspannter ist, ebenso die Schulbussituation.“

Auch Nathalie Thoumas, Lehrerin und Personalrätin an der Martin-Buber-Schule in Groß-Gerau (IGS), hält den täglichen Wechsel für vorteilhaft, weil „die Schülerinnen und Schüler jeden zweiten Tag in der Schule sind und die  Kontakte zu Gleichaltrigen und Lehrkräften regelmäßiger stattfinden“:
„Mit dem wöchentlichen Wechseln hatten wir weniger gute Erfahrungen vor den Sommerferien gemacht, weil die Zeiträume ohne Unterrichtstage in der Schule zu groß waren.“

Mareike Klauenflügel, stellvertretende Schulleiterin der IGS Kalbach-Riedberg, wünscht sich für ihre Schule ebenfalls den täglichen Wechsel der Gruppen:
„Uns ist wichtig, die Schülerinnen und Schüler regelmäßig zu sehen, um Fragestellungen zu besprechen und vor allem aber auch, um regelmäßig gemeinsames soziales Lernen in der Schule zu ermöglichen. Wir wollen für die Schülerinnen und Schüler auch persönlich ansprechbar bleiben.“

An der Friedrich-Magnus-Gesamtschule in Laubach (KGS) findet ab der Jahrgangsstufe 7 ein wöchentlicher Wechsel statt. „Wenn eine Klasse weniger als 16 Schülerinnen und Schüler hat und der Mindestabstand im Klassenraum eingehalten werden kann, wird die Klasse nicht geteilt“, berichtet der stellvertretende Schulleiter Boris Henrich.

Martin Jöckel, Lehrer und Personalrat an der Werner-Heisenberg-Schule, einer großen Berufsbildenden Schule in Rüsselsheim, berichtet, dass an seiner Schule parallel unterschiedliche Möglichkeiten praktiziert werden: „Je nach Schulform gibt es einen täglichen oder wöchentlichen Wechsel oder auch  geteilte Klassen, bei denen beide Klassenhälften anwesend sind und gleichzeitig von einer Lehrkraft betreut werden. Wenn Klassen weniger als 15 Schülerinnen und Schüler haben oder sehr große Räume zur Verfügung stehen, wird nicht geteilt.“

An allen Schulen, die im Wechsel­modell arbeiten, erhalten die Schülerinnen und Schüler im Präsenzunterricht Aufgaben und Arbeitsaufträge für die Tage oder die Woche, in der sie nicht im Unterricht sind. Anders als im Lockdown können diese Aufgaben im Präsenzunterricht erläutert und nachbereitet werden. Lassen es die technischen Möglichkeiten zu, werden Videokonferenzen über das Schulportal Hessen oder iServ durchgeführt. An einzelnen Schulen werden Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe über Videokonferenzen direkt in den Unterricht zugeschaltet. Sie können Fragen stellen und Beiträge für den Unterricht mündlich äußern.

Videokonferenzen im Schulportal

Eine Übertragung des Unterrichts, bei der die Kamera ausschließlich auf die Lehrkraft gerichtet ist, würde den Unterricht auf eine Vorlesung reduzieren. Zudem verfügen nach Erkenntnissen der GEW Hessen nur ganz wenige Schulen über eine entsprechende technische Ausstattung.

Für die GEW steht fest, dass für eine solche Übertragung die Zustimmung aller Beteiligten, also auch der Lehrkraft vorliegen muss. Viele Kolleginnen und Kollegen berichten, dass der Nachholbedarf im technischen Bereich nicht aufgearbeitet wurde: „Das Schulportal funktioniert nur gut, wenn sich wenige Benutzer einloggen. Zu Unterrichtszeiten ist es regelmäßig überlastet. Bei einem Defekt dauert es lange, bis es repariert wird, der Schulträger hat zu wenig Personal.“ (IGS Groß-Gerau)

Nicht nur Lehrkräfte, sondern auch Schülerinnen, Schüler und Eltern machen sich Sorgen wegen der Leistungsbewertungen, Prüfungen und Versetzungen:
„Durch das Wechselmodell kann nicht das gesamte Curriculum abgedeckt werden und es ist unklar, inwieweit das Land bei den zentralen Prüfungen darauf Rücksicht nimmt. Auch die mangelnde Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler, die auf die Oberstufe wechseln wollen, bereitet Sorge.“ (Martin Einsiedel, Alexander-von-Humboldt-Schule Rüsselsheim)

„Die Situation um die Landesabiture 2021 und 2022 ist teilweise unklar, da einige Kreise im Wechselmodell sind und dadurch Lehrpläne nicht hinreichend gleichmäßig erarbeitet werden können. Hier wäre eine schnelle Klärung wünschenswert.“ (Personalrat Gymnasium in Rüsselsheim)

Kein Kind zurücklassen

Trotz des großen Engagements der Lehrkräfte zeigen die letzten Monate, dass lernschwache Schülerinnen und Schüler bei Veränderungen in der Unterrichtsorganisation – besonders beim reinen Distanzunterricht und bei digitalen Darstellungsformen – oft überfordert werden. Damit kein Kind zurück bleibt, müssen in Abhängigkeit von der dynamischen Entwicklung der Pandemie individuelle Lösungen gefunden werden. Der Wechselunterricht ist aber auch hier der vollständigen Schließung der Schulen vorzuziehen: „In den kleineren Lerngruppen kann viel besser auf die individuellen Lernbedürfnisse einzelner eingegangen werden. Es kommt zu deutlich mehr Wortmeldungen bei ruhigeren Schülerinnen und Schülern. Und der Unterrichtsstoff kann in Kleingruppen besser und zum Teil schneller vermittelt werden.“ (KGS Laubach)

„Uns sagen die Schülerinnen und Schüler, die im Wechselmodell arbeiten, dass sie sich in den kleineren Lerngruppen besser konzentrieren können; man lernt besser und mehr, auch zu Hause, auf einmal macht Lernen Spaß.“ (IGS Groß-Gerau)

Der Landeselternbeirat und hessische Schülervertretungen haben sich ausdrücklich für das Wechselmodell ausgesprochen, um den Infektionsschutz zu verbessern und eine erneute Schließung der Schulen zu verhindern. Auch aus den Schulen kommen eher positive Signale: „Die Eltern begrüßen in großer Mehrheit den zusätzlichen Infektionsschutz und berichten, dass ihre Kinder zuhause doch gut arbeiten. Eltern und Schülerinnen und Schüler berichten auch von entlasteten Bussen auf dem Schulweg. Die Schülerinnen und Schüler kommen sehr gut mit dem Modell zurecht. Die Taktung kennen sie von der Zeit vor den Sommerferien. Einigen fehlen naturgemäß die Treffen mit Freunden, die in der anderen Gruppe sind und die man somit nicht mehr sieht.“ (IGS Rüsselsheim)

„Die meisten Schülerinnen und Schüler sehen prinzipiell die Notwendigkeit des Wechselmodells, sind aber prinzipiell eher für den Vollunterricht.“ (Berufliche Schulen Rüsselsheim)

Arbeitsbelastung der Lehrkräfte

Alle Rückmeldungen, die der GEW vorliegen, bestätigen, dass die Kombination von Präsenz- und Distanzunterricht mit erheblicher Mehrarbeit für Lehrkräfte verbunden ist. Sie reicht von der didaktischen und digitalen Aufbereitung der Unterrichtsvorbereitung über die Erstellung zusätzlicher Arbeitsblätter und die Anfertigung von Erklärvideos bis zur Korrektur der schriftlichen Arbeitsaufträge und zu den schriftlichen Rückmeldungen an die Schülerinnen und Schüler. Trotzdem wird das Modell von den Lehrkräften favorisiert: „Die Lehrkräfte erleben positiv, dass der Unterricht und die Pausen ruhiger und Ängste vor einer Ansteckung bei allen geringer sind.“ (KGS Laubach).

„Insgesamt begrüßen die meisten Lehrkräfte, Schülerinnen, Schüler und Eltern die Einführung des Wechselmodells als Fortschritt im Vergleich zum Unterricht in voller Klassengröße.“ (IGS Groß-Gerau)

„Die meisten Kollegen geben an, dass sie das Wechselmodell zeitlich und organisatorisch deutlich mehr fordert. Sie sehen aber im Wechselmodell eine sinnvolle Maßnahme in der Pandemie, die sie von der Aufsicht über große Gruppen entlastet.“ (Berufliche Schulen Rüsselsheim)

„Die Unterrichtssituation fühlt sich deutlich sicherer an mit Abstand, Lüften und Maskenpflicht. In den kleineren Lerngruppen ist der Unterricht intensiver und schneller, die Schülerinnen und Schüler sind disziplinierter.“ (IGS Rüsselsheim)

Die GEW fordert seit dem ersten Lockdown, dass die Arbeit im Distanzunterricht in vollem Umfang auf die Pflichtstundenzahl angerechnet wird. Immerhin hat das HKM jetzt anerkannt, dass es diese Mehrarbeit wirklich gibt. Das ist – auch wenn es zunächst nur um die Bezahlung von Mehrarbeit geht – ein erster Schritt (HLZ S. 23). Letztlich muss es darum gehen, den Distanz­unterricht als Bestandteil des Stundenplans als Pflichtstunde zu verrechnen.

Maike Wiedwald

Foto: dolgachov, istock