In den Niederungen des Alltags

Digitales Distanzlernen kann nicht funktionieren

HLZ 06/2021: Soziale Ungleichheit

Sicher, in Zeiten der Pandemie ist das digitale Distanz-Lernen scheinbar der einzige Weg, um mit bestimmten Schülergruppen Kontakt halten zu können. Es muss aber ganz deutlich gesagt werden: Über den audiovisuellen Weg erfolgreiche Lernprozesse zu organisieren, funktioniert nicht, richtiger formuliert, es kann nicht funktionieren. Lernen ist ein komplexer Prozess, in dem die jeweiligen Individuen entweder aus eigener Motivation oder gesellschaftlich beziehungsweise staatlich organisiert sich Wissen aneignen sollen. Dies geschieht schon im „normalen“ Unterricht nur in gebrochener Form, nämlich zumeist als „defensives Lernen“: Schülerinnen und Schüler lernen nur selten aus Eigeninteresse, sondern weil gelernt werden muss, um Klausuren zu bestehen, Nachteile zu verhindern, den Eltern zu genügen oder in der Konkurrenzgesellschaft vorne dabei sein zu können, also kaum aus inhaltlichem Interesse am Stoff.

Solch defensives Lernen in ein Lernen aus Eigenmotivation zu verändern, ist die Herausforderung für jede Lehrkraft. Das ist jedoch im Distanzlernen nur sehr schwer möglich. Hinzu kommt, dass beim Distanz- bzw. Videounterricht der Resonanzraum fehlt, denn die kommunikativen Prozesse, die für einen Lernprozess essentiell sind, finden nicht statt.

Videounterricht konkret

Praktisch sieht das so aus: Um 9.35 Uhr beginnt eine Videokonferenz per Big Blue Button. Von 23 Schülern sind 20 online, aber nur 4 haben ihre Kamera angeschaltet. Die anderen behaupten, ihre Kameras würden nicht funktionieren. Es fehlen mir damit alle Informationen, mit welcher Aufmerksamkeit die jungen Leute dem Unterricht folgen. Ich beschalle also in den schwarzen Raum Schülerinnen und Schüler mit Inhalten. Was die Kids am Monitor bzw. Lautsprecher in dieser Zeit tun, ist mir letztlich unbekannt. Von anderen Kolleginnen und Kollegen höre oder lese ich, auch in der letzten Ausgabe der HLZ, die Schülerinnen und Schüler würden auf das Trefflichste miteinander arbeiten, gar kollaborieren und die tollsten Ergebnisse produzieren. So richtig kann ich das nicht glauben…

Eine typische „Erfolgskontrolle“ ist die Erledigung der Aufgaben, die für diesen Lernprozess vorgesehen sind. Auch hier spielt das häusliche Umfeld eine entscheidende Rolle. Gibt es zuhause für die Kinder und Jugendlichen genügend Raum zur Erledigung dieser Aufgaben? Wie ist die technische Ausstattung des Elternhauses? Gibt es in der Familie einen geregelten Tagesablauf, der es den jungen Leuten ermöglicht, sich tatsächlich auf die anstehenden Aufgaben zu konzentrieren?

Kreative Prozesse leiden

Ich unterrichte unter anderem das Fach Kunst. Nach den curricularen Vorgaben versuche ich gestalterische und kreative Prozesse zu initiieren. Wie jede Lehrkraft weiß, ist das auch ohne Pandemie nicht einfach. Ich habe den Vorteil, dass meine Schule vergleichsweise gut mit Stiften, Farben, Raum, Lichttischen und auch Rechnern ausgestattet ist. Aber auch hier bleiben Wünsche offen: Es fehlen weitere Räume und Möglichkeiten, in kleinen Gruppe zu modellieren, ein Brennofen oder Druckerpressen (es geht auch mit kalter Knetmasse), aber dafür finden sich immer wieder kreative Lösungen. Wenn das aber schon in der Schule nur mühsam funktioniert, wie soll das daheim über den Rechner gehen? Faktisch bedeutet es, dass ich kreative und gestalterische Aufgabenformate überhaupt nicht umsetzen kann, da ich nicht voraussetzen kann, dass den Kindern und Jugendlichen die Infrastruktur zur Verfügung steht. Im Abitur im Leistungskurs Kunst werden aber solche Kenntnisse und Erfahrungen vorausgesetzt – ein nicht auflösbarer Widerspruch! Außerdem fehlt der soziale Raum in der praktischen Arbeit, das Abgucken, Kommunizieren und Teilhaben an den Ergebnissen der anderen, was audiovisuell nur sehr eingeschränkt möglich ist.

Gerne wird darauf verwiesen, dass junge Leute auch in der digitalen Welt viele Anregungen und Hinweise für gestalterische Prozesse finden können. Das ist aber eine fatale Illusion. Schon im regulären Unterricht kann man – nach meinen Erfahrungen – Schülerinnen und Schüler mit „Recherchen“ im Netz vor allem ruhigstellen, mehr nicht. Die Ergebnisse von Internetrecherchen sind in der überwiegenden Zahl der Fälle inhaltlich suboptimal, bestenfalls können Wikipedia-Artikel fragmentarisch reproduziert werden. Nur ganz selten verfügen junge Leute über Kenntnisse über die Arbeitsweise von Suchmaschinen. Sie halten Google für wahrhaftig. Selbst Oberstufenschülern ist nicht klar, dass Google/ MS Edge Persönlichkeitsprofile anlegt und danach die Informationsausgabe steuert. Es ist also nicht nur der Suchbegriff, sondern auch das Persönlichkeitsprofil, das über das Auffinden relevanter Informationen entscheidet. Und die nächste – schier unüberwindliche – Hürde ist die Bewertung, welche der gezeigten Links sich als tatsächlich werthaltig erweisen und welche ignoriert werden können.

Das Geschäftsprinzip von Google

Das Desinteresse an Googles Geschäftsprinzip, Werbung über Persönlichkeitsprofile zu generieren, scheint übrigens auch die Haltung mancher Kolleginnen und Kollegen zu prägen. Ist ihnen wirklich egal, ob Google ihre politischen Auffassungen, ihre Sozialbeziehungen nach Häufigkeit über die Kontakte, ihre sexuellen Präferenzen und ihre Konsumgewohnheiten kennt? Mir jedenfalls macht es Sorge, wenn Konzerne, von Diensten zu schweigen, mich durchleuchten (können). Aus diesem Grund benutze ich Google nicht, was in meiner Schule schwierig ist, weil die IT-Abteilung des Schulträgers Google Chrome als Hauptsuchmaschine voreingestellt hat. Es gibt aber Alternativen, indem man händisch die Suchmaschine verändert oder mit einem gesicherten Firefoxtransportablevom Stick die Suche betreibt.

Ebenso wenig wie die Funktionsweise von Suchmaschinen scheinen Schülerinnen und Schüler das Thema Datenschutz zu kennen. Hier muss schon in der Mittelstufe deutlich nachgearbeitet werden. Da wird auf Facebook und Instagram ohne jede Rücksicht gepostet und teilweise gemobbt, was das Zeug hält. Scores in asozialen Netzwerken entscheiden über den sozialen Status, ob jemand zum Geburtstag eingeladen wird oder nicht. Facebook und Co. strukturieren und bewerten die Sozialbeziehungen – nicht die Menschen selber.

Black Box Datenschutz

Genauso erschreckend ist die Naivität von „Bildungspolitikern“, die dafür plädieren, Tablets bereits in der Grundschule einzusetzen, um junge Menschen so früh wie möglich auf die Digitalisierung vorzubereiten. Es ist wissenschaftlich belegt, dass die regelmäßige Nutzung von Tablets und Smartphones im frühen Kindesalter zu „digitaler Demenz“ (Prof. Manfred Spitzer) führt:

„Aus hirnphysiologischer Sicht bleibt das Leben digitalisierter Kinder zeitlebens doppelt gefährdet: Das Belohnungssystem führt die Regie und das Stirnhirn wird entmündigt. Das heißt, das Stirnhirn unterliegt einer nicht-invasiven Lobotomie (das ist die physiologische Durchtrennung der aufsteigenden Dopamin-Bahn), die Neurochirurgen im letzten Jahrhundert bei psychisch Schwerkranken zur Minderung des Leidens eingesetzt haben.“ (1)

Scheinobjektive Daten

Auch für die Schulen kann ich keinen Gewinn durch digitales Lernen erkennen. Sicher ist es von Vorteil, Filme, Animationen und Fotos als Anschauungsmaterial verwenden zu können, aber das bloße Benutzen digitaler Medien schafft noch keine Erkenntnis, stiftet keinen Zusammenhang, ordnet nichts ein. Ein Medium kann keinen Erkenntnis- oder Lerngewinn generieren. Es bleibt auch weiterhin die Aufgabe von Lehrenden, gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern Lernprozesse zu initiieren bzw. zu organisieren, deren Methoden und Inhalte demokratisch legitimiert sind.

Hinzu kommt bei schulischer Bildung ein hinterfragbares Benotungssystem, das an dieser Stelle nicht erörtert werden muss, aber prinzipiell diskursfähig sein sollte. Im Fall des Online-Lernens mit algorithmisierter Lernsoftware erhält man bei Leistungskontrollen ein scheinbar „objektiviertes“ Ergebnis, das den tatsächlichen pädagogischen Prozess, der bei einer Benotung immer einfließen sollte, ausblendet.

Digital vermittelter Lernstoff ist dem kommunikativ in der Schule vermittelnden Lernstoff unterlegen, da wichtige Elemente des Lernprozesses fehlen. Schülerinnen und Schüler vereinsamen und wichtige Prozesse einer humanen Bildung bleiben außen vor. Ein überzeugender methodischer und didaktischer qualitativer Sprung in der Schulbildung lässt sich über digitale Vermittlung nicht erreichen.

Wo bleibt die humane Bildung?

Dass sich immer noch viele Kolleginnen und Kollegen für die Software der IT- Konzerne entscheiden, hängt auch mit den Mängeln der vom Land unter anderem im Schulportal bereitgestellten Technik zusammen. So sind das Interfacedesign, die Grafikoberflächen und die Bedienerfreundlichkeit der datensicheren Systeme denen der IT-Konzerne unterlegen. So braucht es Stunden, um Moodle einigermaßen bedienen zu können.

Sich deshalb für die Konzernsoftware zu entscheiden, blendet die Tatsache aus, dass die IT-Konzerne aus ihren Riesengewinnen Milliarden in solche Lernplattformen investieren. Hier geht es nicht um pädagogische Prozesse, sondern darum, mittelund langfristig Lehrkräfte einzusparen. Das setzt jedoch eine lückenlose digitale Durchleuchtung des individuellen Verhaltens der Schülerinnen und Schüler und ggf. auch der Lehrkräfte voraus.

Entsprechende Programme werden in den USA bereits eingesetzt, um Lehrkräfte zu bewerten und – bei niedrigem Score – zu entlassen. (2)

Es ist bezeichnend, dass nicht nur an meiner Schule fast nur noch über Endgeräte diskutiert wird, nicht jedoch über die Lernprozesse. Wäre es nicht besser, es würde über die Schule als Lebensraum und über angemessene Sport- und Freizeitangebote und letztlich über die Lebensmöglichkeiten der jungen Menschen nachgedacht bzw. in deren Interesse gemeinsam mit ihnen gehandelt?

Stephan Schimmelpfennig-Könen

Stephan Schimmelpfennig-Könen ist Lehrer an einer hessischen Oberstufenschule und arbeitet in der AG Digitalisierung des GEW-Landesverbands mit.

(1) Gertraud Teuchert-Noodt: 20 Thesen zu digitalen Medien aus Sicht der Hirnforschung in: umwelt - medizin - gesellschaft 4/2017, S.32

(2) Ein Beispiel ist die Gratis-App „Class- Dojo“, die Schülerinnen und Schüler „auf spielerische Weise zu einem positiveren Verhalten motivieren“ soll. Forscher der University of South Australia halten die App, bei der Lehrkräfte die Leistungen von Schülerinnen und Schülern mit Punkten bewerten können, die dann „auch von Klassenkameraden oder Eltern einsehbar sind“, für „eine weitere datensammelnde Überwachungstechnologie, die dazu beiträgt, dass wir zunehmend in einer Kultur des gegenseitigen Ausspionierens leben, die wir auch in der Schule mittlerweile als ganz normal empfinden“. (https://computerwelt.at/news/topmeldung/classdojo-ueberwacht-verhalten-von-schuelern/)