Außen vor lassen wäre fatal

Zum Einsatz digitaler Medien in der Grundschule

HLZ 1/2019: Digitalisierung und Schule

Die zunehmende Digitalisierung fast aller Arbeits- und Lebensbereiche macht auch vor dem Bildungsbereich nicht Halt. Interaktive, digitale Medien können zur Verbesserung der Qualität von Unterricht beitragen. Zudem kommt Schulen in der heutigen Informationsgesellschaft zunehmend der Auftrag zu, Schülerinnen und Schüler zu befähigen, kompetent auf Informationen zuzugreifen, diese kritisch reflektiert zu verarbeiten sowie mit entsprechenden Werkzeugen der Beschaffung, Aufbereitung und Darstellung von Informationen umzugehen. Dass dies zum Bildungsauftrag von Schulen gehört, darin sind sich Lehrkräfte, Eltern und Politik inzwischen einig. Ob und wie weit dies jedoch schon in den Grundschulen umgesetzt werden soll, ist dagegen strittig.

Gerade aus bildungstheoretischer Sicht wäre es fatal, Grundschulen bei diesem zentralen Thema außen vor zu lassen. Kinder und Jugendliche sind in ihrer alltäglichen Lebenswelt zunehmend mit digitalen Medien konfrontiert. Dies darf und sollte sich im Bildungsauftrag der Grundschulen widerspiegeln. Prof. Dr. Thomas Irion, Fachreferent für Medienbildung im baden-württembergischen Grundschulverband, macht zugespitzt deutlich, dass „angesichts der anstehenden gesellschaftlichen Herausforderungen“ ja auch niemand auf die Idee käme, „musische oder historische Inhalte aus der Grundschule heraushalten zu wollen“ (1). Er fordert, dass sich die Grundschulbildung im Hinblick auf gesellschaftlich relevante Themen, die sie aufgreift, nicht primär an der Leistbarkeit orientiert, sondern an der Bedeutung und Relevanz des Themas in der Gesellschaft. Und dies steht im Hinblick auf die Digitalisierung außer Frage.

Die generellen Argumente, die B. Döbeli Honegger, Professor an der Pädagogischen Hochschule Schwyz, für den Einsatz digitaler Medien in Schulen ins Feld führt, sind auch für die Grundschulen relevant: das Lebensweltargument, das Zukunftsargument, das Lernargument und das Effizienzargument (2).

Das Lebensweltargument meint, dass schulische Bildung nicht nur auf die Förderung abstrakter Denkprozesse abzielt, sondern die Grundlagen legt für die Orientierung in der Welt. Dabei sind kindliche Erfahrungen Ausgangs- und Zielpunkt des Unterrichts, der auf für Kinder relevante Erfahrungen und Lebenssituationen Bezug nehmen soll. Aktuelle Studien belegen die lebensweltliche Bedeutung digitaler Medien von Kindern schon im Grundschulalter. Nach den KIM-Studien besitzen 98 % der Kinder zwischen 6 und 13 Jahren inzwischen ein eigenes Smartphone oder Handy und 42 % der Kinder nutzen dieses auch täglich (3). 

Das Zukunftsargument verweist darauf, dass es in Bildungsprozessen nie allein um die gegenwärtige Welt gehen kann, sondern Kinder und Jugendliche Kompetenzen für künftige Lebensaufgaben erwerben sollen. Wer meint, dass Kinder und Jugendliche als „Digital Natives“ sowieso mit digitalen Medien aufwachsen und so entsprechende Kompetenzen erwerben, übersieht, dass dabei oft nur sehr oberflächliche und unkritische Nutzungsformen ausgeprägt werden (4). Studien zur digitalen Spaltung („Digital Divide“) zeigen, dass sich soziale Ungleichheiten im Kontext digitaler Medien weniger auf die Ausstattung als vielmehr auf den kompetenten Umgang und die Nutzung beziehen. Ziel digitaler Medienbildung ist deshalb die Befähigung zur Teilhabe, zu kritischer Mediennutzung und zur Mitgestaltung der digitalen Welt. Dies kann mit entsprechenden altersgerechten Geräten und Anwendungen schon in der Grundschule beginnen (1), um Medienkompetenzen aufzubauen und soziale Ungerechtigkeiten zu überwinden. 

Das Lernargument untermauert die erwähnten Potenziale der Modernisierung von Unterricht mit Hilfe digitaler Medien. Dabei geht es nie um eine ausschließliche Nutzung digitaler Medien, sondern um einen integrierten Einsatz im Zusammenspiel mit analogen Medien. Gerade in Grundschulen können digitale Medien in offenen oder fachübergreifenden Unterrichtsformen eingesetzt werden. Interaktive Anwendungen können Lernprozesse unterstützen. Digitale Geräte wie Tablets bieten vielfältige Möglichkeiten zur digitalen Medienproduktion in Kombination mit analogen Medien, so zum Beispiel bei der Erstellung von Zeichentrickfilmen oder zur Dokumentation analoger Produkte (Plakate, Wandzeitungen u.v.m.). Auch hier zählt das Gerechtigkeitsargument: Es kann nicht sein, dass nur Kinder bildungsnaher Eltern pädagogisch begleitet mit digitalen Medien lernen und andere hier sich selbst überlassen werden. 

Dabei kann es auf keinen Fall darum gehen, den direkten zwischenmenschlichen Austausch zwischen den Kindern und den Lehrpersonen oder der Kinder untereinander zu reduzieren. Ganz im Gegenteil! In entsprechenden Unterrichtsszenarien arbeiten Schülerinnen und Schüler gemeinsam an der Erstellung digitaler und analoger Produkte, tauschen sich aus und erhalten Feedback, so dass weder die direkte Kommunikation im Raum noch Primärerfahrungen zurückgedrängt werden. Vielmehr geht es um eine Erweiterung der Lernerfahrungen und Lernwerkzeuge, so dass gesellschaftlich relevante Entwicklungen und Anforderungen auch im schulischen Kontext widergespiegelt werden.

Claudia Bremer

Claudia Bremer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universität Frankfurt und an der Entwicklung und Umsetzung von eLearning-Konzepten beteiligt (www.bremer.cx). Zusammen mit Dr. Alexander Tillmann hat sie das Projekt Mobiles Lernen in Hessen (MOLE) zum Einsatz von Tablets in Grundschulen begleitet.­­­


(1) Peschel, M. & Irion, T. (Hrsg.). Neue Medien in der Grundschule 2.0. Grundlagen – Konzepte – Perspektiven (S. 16–32). Frankfurt a. M.: Grundschulverband.
(2) Döbeli Honegger, B. (2016). Mehr als 0 und 1: Schule in einer digitalisierten Welt. Bern: hep, der Bildungsverlag.
(3) mpfs – Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2000). Kinder und Medien – KIM 1999 (Online: www.mpfs.de/studien/kim/KIM99.pdf); mpfs (2017). KIM-Studie 2016. Kindheit, Internet, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 6- bis 13-Jähriger. Online: www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/KIM/2016/KIM_2016_Web-PDF.pdf

(4) Schulmeister, R. (2012). Vom Mythos der Digital Natives und der Net Generation. BiBB BWP 3/2012, 42-46. Online: www.bibb.de/veroeffentlichungen/de/bwp/show/6871