Ich bin dabei

Über ein Projekt zur Migration und Partizipation

HLZ 11/2021: GEW-Landesdelegiertenversammlung

Die Erfahrungen von Menschen mit Migrationshintergrund stärker zu beachten und wertzuschätzen, ist das Ziel des überparteilichen und interreligiösen Projekts „Ich bin dabei“, das mit Veranstaltungen, mit Podien, dokumentarischen Filmen und Musik im Spätsommer 2021 an die Öffentlichkeit trat. Das Projekt wurde von migrantischen Journalistinnen und Journalisten initiiert und von mehreren Religionsgemeinschaften und migrantischen Vereinen in und um Frankfurt umgesetzt. Träger des Projekts ist Transition Town Frankfurt (https://frankfurt-im-wandel.de).

Wie viel Kreativität die Beteiligten dabei entwickelten, konnte man Mitte September am Beispiel eines Films sehen, den die Filmgruppe des Deutsch-Arabischen Kulturhauses DARUNA e.V. in Frankfurt zu Problemen und Chancen der politischen Partizipation von Migrantinnen und Migranten drehte. Mit Humor und Freude an den Drehorten im Palmengarten oder im Garten des Liebieghauses zeigt der Film die Annäherung von Tarek (Omar Teslmani) an das deutsche Wahlrecht, nachdem er endlich den deutschen Pass bekommen hat. Der Film hat es verdient, dass er bald auch für die politische Bildung zur Verfügung steht, so wie der Film „Viola“, den der Daruna-Filmclub über den Klimawandel und die drastischen Folgen für das Leben der Menschen gedreht hat. Er thematisiert insbesondere fehlende internationale Gesetze zum Schutz der Rechte von Menschen, die in Krisengebieten leben, ihre Heimat verlieren und immer wieder Opfer von Umweltkatastrophen sind (Trailer und Fotos von den Filmaufnahmen: daruna.de/film-club).



Informationen zum Wahlrecht und zu den Möglichkeiten politischer Partizipation sind aber nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist die Änderung des Wahlrechts und die aktive Unterstützung von Migrantinnen, Migranten und Geflüchteten, sich politisch einzubringen, so der Konsens  bei der Diskussion im Haus am Dom, die sich an die Filmvorführung anschloss.

Migration und Partizipation

Auf dem Podium saßen (auf dem Foto von links nach rechts) die Stadtverordneten Omar Shehata (SPD), Pearl Hahn (Die Linke), Anita Akmadza (CDU) und Stadtverordnetenvorsteherin Hilime Arslaner-Gölbasi (Grüne). Omar Shehata, der den Frankfurter SPD-Vorsitzenden Mike Josef vertrat, lobte ihn als politisches Vorbild: „Er hat mich ermutigt, mich auch auf ein parteipolitisches Engagement einzulassen, denn ohne solche Lotsen wird es nicht gehen.“ Dass es in Frankfurt inzwischen eine in der Türkei geborene Stadtverordnetenvorsteherin, die im Iran geborene Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg und den in Syrien geborenen Planungsdezernenten Mike Josef gebe, mache ihn optimistisch, dass Frankfurt auf einem guten Weg zur „Migrations-, Diversitäts- und Integrationshauptstadt“ sei. Allerdings gebe es noch einiges zu tun. Denn obwohl er heute noch im selben Frankfurt Stadtteil lebe, in dem er geboren wurde, und somit einer der „unmigrantischsten Menschen“ sei, den er kenne, werde er regelmäßig nach seinen „Erfahrungen als Migrant“ gefragt. Auch Hilime Arslaner-Gölbasi sieht erste Fortschritte, doch sei der Anteil von Migrantinnen und Migranten in deutschen Parlamenten noch immer viel zu niedrig: „Wir leben zwar in einer repräsentativen Demokratie, aber das heißt noch lange nicht, dass die Parlamente auch die Vielfalt der Gesellschaft repräsentieren.“ Noch immer werde sie in ihrer Funktion in der Stadtverordnetenversammlung bundesweit „gehypt“, weil sie eine Ausnahme ist.

Dass viele Migrantinnen und Migranten aus Diktaturen geflohen sind und keine Erfahrungen mit einer Demokratie haben, sah Pearl Hahn keineswegs als Hürde für das politische Engagement an: „Ich habe in Nairobi eben auch erfahren, was Widerstand und Opposition ist.“ Die Mehrheitsgesellschaft verstehe Integration immer noch als Einbahnstraße: „Sie muss aber auch bereit sein, Menschen aufzunehmen.“ Dazu gehörten ein gesichertes Bleiberecht und das kommunale Wahlrecht.  

Weitere Veranstaltungen des Projekts „Ich bin dabei“ beschäftigten sich unter anderen mit der Diskriminierung von Migrantinnen und Migranten in der Arbeitswelt, den Erwartungen religiöser Menschen an die Politik und den Erfahrungen in der Kommunal- und Landespolitik. Ende November soll der Öffentlichkeit eine Dokumentation der Arbeitsergebnisse von „Ich bin dabei“ vorgestellt werden.

HLZ-Redaktion