Sprachsensibler Unterricht

Angebote und Informationsportale für alle Fächer

Seit die PISA-Studie 2000 herausfand, dass das Niveau der Lesekompetenz deutscher Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich eher niedrig und der Anteil von Lernenden mit schwacher Leseleistung verhältnismäßig hoch war, wurden vielfältige Maßnahmen ergriffen, die Kompetenz zur Informationsverarbeitung sowie Lese- und Schreibstrategien zu verbessern. Die PISA-Studien und andere empirische Untersuchungen verwiesen zudem auf die starke Korrelation zwischen sozialer Herkunft und Lese- bzw. Schreibkompetenz sowie zwischen Migrationshintergrund und Kommunikationsfähigkeit.

Förderung der „Bildungssprache“

Dabei richtete sich der Blick zunächst auf die Förderung der „Bildungssprache“. Ein Team der Universität Hamburg führte diesen Begriff 2006 in die pädagogisch-didaktische Diskussion ein. Er verweist auf die komplexe Beziehung zwischen den sprachlichen Bildungsvoraussetzungen jedes einzelnen Kindes oder Jugendlichen und dem potenziellen Bildungserfolg. Jürgen Habermas bezeichnete damit bereits 1977 dasjenige sprachliche Register, in dem man sich mit den Mitteln der Schulbildung ein grundlegendes Orientierungswissen verschaffen kann (1). Eines der ersten wichtigen Projekte zur Förderung der Bildungssprache war das 2003 etablierte Modellprogramm „Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ (FÖRMIG) der Bund-Länder-Kommission (2).

2010 wurde das FörMig-Kompetenzzentrum der Universität Hamburg eröffnet, dessen Initiativen und Forschungen zu einer „durchgängigen Sprachbildung“ in ausführlichen Schulporträts und in Handreichungen für die Praxis dokumentiert sind (3). Ein Buch von Ingrid Gogolin und Imke Lange informiert über die Ergebnisse von FörMig und gibt Hinweise, wie die folgenden Qualitätsmerkmale für sprachsensiblen Unterricht diagnostiziert und umgesetzt werden können (4):

  • Die Lehrkräfte planen und gestalten den Unterricht mit Blick auf das Register Bildungssprache und stellen die Verbindung von Allgemein- und Bildungssprache explizit her.
  • Die Lehrkräfte diagnostizieren die individuellen sprachlichen Voraussetzungen und Entwicklungsprozesse.
  • Die Lehrkräfte stellen allgemein- und bildungssprachliche Mittel bereit und modellieren diese.
  • Die Schülerinnen und Schüler erhalten viele Gelegenheiten, ihre allgemein- und bildungssprachlichen Fähigkeiten zu erwerben, aktiv einzusetzen und zu entwickeln.
  • Die Lehrkräfte unterstützen die Schülerinnen und Schüler in ihren individuellen Sprachbildungsprozessen.
  • Die Lehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler überprüfen und bewerten die Ergebnisse der sprachlichen Bildung.

Seit 2013 wurden der Forschungsschwerpunkt Sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit und die dazugehörige Koordinierungsstelle Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung (KoMBi) der Universität Hamburg vom Ministerium für Bildung und Forschung gefördert. Ergebnisse der einzelnen Teilprojekte sind jetzt publiziert worden (5).

Wortschatzarbeit intensivieren

Neben dem Team um Ingrid Gogolin hat sich insbesondere auch Josef Leisen, ehemals Leiter des Studienseminars für Gymnasien in Koblenz und Fachdidaktiker Physik, um die Förderung der Bildungssprache und – davon unterschieden – der Fachsprache für einen adressatenbezogenen Unterricht in zunehmend heterogener werdenden Lerngruppen verdient gemacht. Die Vorträge und Publikationen auf seiner Homepage www.sprachsensiblerfachunterricht.de sind eine unschätzbare Informationsquelle für alle, die sich in die Thematik einarbeiten möchten. Leisen hat auch in Hessen zahlreiche Fortbildungen durchgeführt.
Ergebnisse der universitären Forschung zum sprachsensiblen Unterricht und deren Anwendung auf die Schulpraxis finden sich auf den Bildungsservern der Bundesländer. Auf dem Bildungsserver Berlin-Brandenburg gibt es empfehlenswerte Handreichungen zur Wortschatzarbeit in den Fächern Geschichte, Geografie, Naturwissenschaften, Mathematik und Englisch (6).

Zu nennen ist ferner das Projekt „ProDaZ – Deutsch als Zweitsprache in allen Fächern“ an der Universität Duisburg-Essen, das aufbauend auf einer über vierzigjährigen Tradition des „Förderunterrichts für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund“ Sprachbildung und Mehrsprachigkeit in allen drei Phasen der Lehrerbildung etablieren will. Auch hier sind zahlreiche Texte über die Website abrufbar (7).

Einer durchgängigen Verbesserung der sprachlichen Bildung ist die Arbeit des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache gewidmet. An diesem Institut der Universität Köln sind Forschungs-, Entwicklungs- und Förderprojekte gebündelt, die sich zum Teil deutschlandweit mit Fragen der sprachlichen Bildung beschäftigen. Mit der Implementierung des sprachsensiblen Unterrichts in den Vorbereitungsdienst befasst sich eine Veröffentlichung von Sven Oleschko im Auftrag des Ministeriums für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen in Zusammenarbeit mit der Stiftung Mercator (8). Unter anderem gibt es auch ein Cluster Gesellschaftswissenschaften, das Hinweise auf die sprachsensible Formulierung von Aufgabenstellungen, für die Arbeit mit dem Schulbuch sowie auf fachspezifisches Sprechen und Schreiben gibt.

„Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS) ist eine gemeinsame Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie der Kultusministerkonferenz und der Konferenz der Jugend- und Familienminister der Länder zur Verbesserung der Sprachförderung, Sprachdiagnostik und Leseförderung. Das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache der Universität zu Köln, das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und die Humboldt-Universität zu Berlin in Kooperation mit dem Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) übernehmen als Trägerkonsortium die wissenschaftliche Ausgestaltung. Neben Modulen zur allgemeinen Lese- und Sprachförderung wird auch ein Modul „Sprachliche Bildung in fachlichen Kontexten“ entwickelt. Auch Hessen ist an dem BiSS-Projekt beteiligt. Es besteht also die Aussicht, dass hessische Lehrkräfte künftig das Online-Material zur Fortbildung und Umsetzung sprachsensiblen Fachunterrichts nutzen dürfen.

Nicht nur im Deutschunterricht

Auch das Hessische Kultusministerium hat einen Ordner mit Materialien zum Unterricht in Deutsch als Zweitsprache herausgegeben, der praxisorientierte Anregungen für den Unterricht in Intensivklassen und Intensivkursen gibt und für sprachbewussten Unterricht in Regelklassen sensibilisieren soll (10). Auch für die Ausbildung von Lehrkräften im Vorbereitungsdienst wurden Materialien zum Unterrichten in sprachheterogenen Gruppen entwickelt, die auch für Lehrerfortbildung und Unterrichtsvorbereitung genutzt werden können (11).

Deutlich wird, dass Forschung und Bildungsverwaltung immer stärker die Notwendigkeit sprachbewussten und sprachsensiblen Fachunterrichts betonen. Sprachbildung muss im Fachunterricht erfolgen, nicht nur im Deutschunterricht. Nun sind die Fachdidaktiken aufgefordert, Sprachbildung im Fach durch empirische Studien und durch die Entwicklung von Methoden und Materialien zu unterstützen. Aber auch die Erfahrungen und Materialien der unterrichtenden Kolleginnen und Kollegen sollten ausgetauscht und kooperativ weiterentwickelt werden. Dies könnte auf Fortbildungen zu den „Priothemen“ Inklusion, Integration von Schülerinnen und Schülern nichtdeutscher Herkunftssprache sowie „Lesen, Schreiben, Rechnen“ erfolgen. Unabdingbar ist aber, dass in Hessen verstärkt fachdidaktische Fortbildungen angeboten werden und das Thema „Sprachbildung im Fachunterricht“ dort seinen Platz findet.

Franziska Conrad

(1) H. Feilke (Hrsg.): Bildungssprache. Praxis Deutsch, Heft 233, Jg. 39 (2012).

(2) www.foermig.uni-hamburg.de/pdf-dokumente/blk-expertise-heft107.pdf


(3) www.foermig.uni-hamburg.de


(4) I. Gogolin und I. Lange: Durchgängige Sprachbildung. FörMig-Material Band 2. Münster/New York2010.

(5) www.foermig.uni-hamburg.de/pdf-dokumente/openaccess.pdf


(6) bildungsserver.berlin-brandenburg.de > Suche: Wortschatzarbeit


(7) www.uni-due.de/prodaz


(8) sprachsensibles-unterrichten.de/das-projekt/


(9) www.biss-sprachbildung.de
(10) Erfolgreich Deutsch lernen. Grundlagen und praxisorientierte Anregungen für den Unterricht in Intensivklassen und Intensivkursen, HKM Wiesbaden 2017, 4. Aufl.

(11) lakk.sts-gym-giessen.bildung.hessen.de/fortbildung/hkm-broschuere_lernen_in_sprachheterogenen_gruppen.pdf


Milica aus Serbien
Die aktuellen Debatten um Migration und Integration werden von Angela Schmidt-Bernhardt mit „Zwischenwelten“ auf besondere Art und Weise bereichert. Die ehemalige Lehrerin und jetzige Mitarbeiterin an der Philipps-Universität Marburg blickt in die reale Einwanderungsgeschichte einer serbischen Familie, die in den 1970er Jahren nach Deutschland kam. Sie befasst sich dabei nicht abstrakt mit dem Thema, sondern zeichnet den Weg der Integration am Beispiel der Tochter Milica nach – mit allen Hoffnungen, Problemen, Enttäuschungen, Erfolgen, Wirrungen und Widersprüchen.
Das Buch beginnt und endet mit einem Rätsel, das im Laufe der Geschichte zwar stückweise entschlüsselt, aber – so viel kann verraten werden – schlussendlich nicht vollständig aufgelöst wird. Die Zerrissenheit der Protagonistin, ihre Ausweglosigkeit, ihre Sehnsucht nach dem, was sie nicht hat, bilden die Hauptthemen des Buches und dominieren den Ton. Milica wohnt in den Zwischenwelten: „Für mich gibt es kein Wohin“, erklärt sie ihrer besten Freundin Selma. Ihr problemreiches Leben in Deutschland, das sich bis ins Abgleiten ins Drogenmilieu zuspitzt, ist nur einer der Aspekte einer auf verschlungenen Pfaden verlaufenden Integration.
Auch die in der politischen Diskussion in Zielländern wie Deutschland fast nicht präsenten Probleme bei der Rückkehr in die Heimat finden in der Erzählung ihren angemessenen Platz. Dabei geht es um die bereits von vielen durchlebte Enttäuschung vom Mythos Deutschland, dessen Verheißungen im Realitätsabgleich nicht bestehen können, „als wären nicht schon unzählige Alte und Junge, Männer und Frauen, Wagemutige und Ängstliche nach einigen Jahren mit leeren Händen ganz still, und doch für jeden Daheimgeblieben erkennbar, zurückgekehrt“. Und gleichsam bleibt das Image Deutschlands als Sehnsuchtsort für ein besseres Leben im Heimatland bestehen: „Das Bild vom Schlaraffenland Deutschland hält sich standhaft, das Bild von dem Land, in dem es einfach alles gibt...“.
Die Autorin experimentiert mit verschiedenen Textsorten, um das Geheimnisvolle des Ankommens, des Daseins von Milica zu bewahren und fordert den Leser auf, am Entschlüsseln dieses Geheimnisses teilzunehmen, statt sie nur voyeuristisch zu beobachten.
Auf knapp 126 Seiten taucht man ein in das Schicksal eines Mädchens, das mit sechs Jahren nach Deutschland kam. Niemand wird erwarten, dass ihm so eine knappe Seitenzahl gerecht werden kann, doch lesenswert sind diese Einsichten ganz ohne Zweifel.

Victoria Storozenko

Angela Schmidt-Bernhardt: Zwischenwelten. Verlag Tredition Hamburg 2016. Paperback, 126 Seiten, 8,99 Euro