Hürden müssen abgebaut werden

Im Gespräch mit Enis Gülegen, Vorsitzender des Landesausländerbeirats

HLZ 1-2/2021

Hessen 2021: Jahr der Rechte für alle Kinder

Unser GEW-Kollege Enis Gülegen ist seit vielen Jahren beruflich im Bereich Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger tätig. Aktuell unterrichtet er Jugendliche an der Philipp-Holzmann-Schule in Frankfurt im Rahmen von InteA, wie die Intensivklassen zur Vermittlung grundlegender Kenntnisse der deutschen Sprache an berufsbildenden Schulen genannt werden. Er ist zudem kommunalpolitisch aktiv und ehrenamtlicher Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte Hessen. Der Landesausländerbeirat setzt sich gemeinsam mit den Wohlfahrtsverbänden und der GEW Hessen in dem Bündnis „Gute Bildung für alle!“ für die Bildungschancen von Migrantinnen und Migranten ein. Im September 2020 wurde die gemeinsame Fachtagung „Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung in Krisenzeiten“ veranstaltet.

HLZ: In der Kinderrechtskonvention erkennen die Vertragsstaaten das Recht des Kindes auf Bildung an. Dieses Ziel sollen sie nach Artikel 28 auf der Grundlage der Chancengleichheit „fortschreitend“ erreichen. Wie ist es um die Chancengleichheit von Geflüchteten im hessischen Schulsystem nach deinem Eindruck bestellt?

Enis Gülegen: Unabhängig von Herkunft und Aufenthaltsstatus: Um die Chancengleichheit im Bildungssystem ist es generell schlecht bestellt! Ich würde sogar so weit gehen und sagen: Es gibt sie schlichtweg nicht. Auf diese Problematik haben wir als Landesausländerbeirat in anderen Zusammenhängen immer wieder hingewiesen. Verbesserungen sind jedoch nicht erkennbar. Das „System Schule“, so wie es gegenwärtig und schon seit Jahrzehnten praktiziert wird, ist auf Chancengleichheit nicht angelegt. Stattdessen dominiert der Gedanke der Differenzierung, von dem im besten Fall die Schülerinnen und Schüler profitieren, die ohnehin keine Probleme im Schulalltag haben. Wichtig ist aber ein Bildungssystem, das alle jungen Menschen gleichermaßen mitnimmt. Hiervon sind wir leider weit entfernt. Der Mangel an Chancengleichheit betrifft geflüchtete Kinder in einem erhöhten Maße, da sich bei ihnen Probleme potenzieren. Neben den oft eingeschränkten Sprachfähigkeiten sind hier unter anderem der ungewisse Aufenthaltsstatus, die traumatischen Erlebnisse der Flucht, daraus erwachsende entwicklungspsychologische Probleme oder das häufig allenfalls als suboptimal zu bezeichnende familiär-häusliche Umfeld zu nennen. Fehlende schulische Chancengleichheit fördert Problemlagen und löst sie nicht, sondern führt zu Perspektivlosigkeit, Rückzug und Resignation. Wir müssen unserem Bildungsauftrag gegenüber allen Schülerinnen und Schülern gerecht werden. Dafür bedarf es struktureller und qualifikatorischer Verbesserungen.

Auch in Hessen kommt es immer wieder zu Abschiebungen von Schülerinnen und Schülern. So hat zuletzt im September die Festnahme eines 19-Jährrigen aus Guinea aus der Berufsschule Witzenhausen zu landesweiter Empörung geführt. Hatten die Koalitionsparteien nicht eigentlich angekündigt, dass es keine Abschiebungen an Schulen mehr geben soll?

Mag sein, dass es eine solche Ankündigung gab. Aber Witzenhausen ist kein Einzelfall. Ganz im Gegenteil: Seit Jahren erleben wir in Hessen immer wieder, dass im Rahmen von geplanten Abschiebungen auch Schülerinnen und Schüler in Einzelfällen sogar aus den Schulen von Polizisten abgeführt werden. Es ist ein Hohn, wenn der schwarz-grüne Koalitionsvertrag mit „Aufbruch im Wandel durch Haltung, Orientierung und Zusammenhalt“ betitelt ist. Wo ist bei solchen polizeilichen Maßnahmen die Haltung zu erkennen? Welche Auffassung von Zusammenhalt kommt ans Tageslicht, wenn Polizeikräfte in oder an Schulen Abschiebemaßnahmen durchführen? Welche Orientierung geben solche Eingriffe? Nein: Abschiebungen aus Bildungs- und Betreuungseinrichtungen müssen strikt vermieden werden! Dabei spielt es auch keine Rolle, ob dies räumlich direkt in Schulen oder unmittelbar außerhalb des Schulgeländes passiert. Schulen müssen auch weiterhin Schutzraum für alle bleiben! Schulen müssen Orte der Geborgenheit sein, an denen man sich sicher fühlen kann. Abschiebungen aus Schulen sind der schockierende Höhepunkt einer inhumanen Flüchtlings- und Asylpolitik.

Der Bildungsbericht 2020 hat aufgezeigt, dass die Zahl der Jugendlichen, die die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen, wieder steigt. Ihr Anteil war bis 2013 auf 5,7 Prozent deutlich zurückgegangen, 2018 lag er wieder bei 6,8 Prozent. Das sind in ganz Deutschland 53.600 Schülerinnen und Schüler, von denen 13.600, als fast ein Viertel, keine deutsche Staatsbürgerschaft hatten. Erleben wir in Sachen Integration und Chancen durch Bildung womöglich sogar einen Rückschritt?

Vorerst ein Hinweis zu den von dir genannten Zahlen. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund wird in dieser Gruppe sicherlich um einiges höher sein, denn viele von ihnen haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Und unsere Lebenserfahrung lehrt uns vor allem eines: Der deutsche Pass schützt nicht vor Benachteiligung. Insofern sprechen diese Zahlen für sich und sind ein deutliches Signal für den von dir genannten Rückschritt. Für uns sind solche Entwicklungen besorgniserregend und ein Indiz dafür, dass in Sachen „Integration und Chancen durch Bildung“ noch viel zu tun ist. Wir müssen feststellen, dass die immer wieder postulierten bildungs- und integrationspolitischen Ziele ganz offenkundig nicht erreicht werden. Wenn so viele junge Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, in der Schule scheitern, dann liegt das Defizitäre nicht an ihnen, sondern am System. Offensichtlich macht die Institution Schule hier etwas falsch. Zu fragen ist in diesem Kontext sicher auch, ob dieser schulische Misserfolg bei jungen Kindern und Heranwachsenden mit Migrationshintergrund nicht auch einem gewissen Automatismus geschuldet ist, der da lautet: nicht-Deutsch – sprachlich eingeschränkt – schlechte schulische Verlaufsprognose. Es kann nicht gut gehen, wenn einem jungen Menschen immer wieder eine vermeintliche Unzulänglichkeit zugeschrieben wird.

In multikulturell geprägten Städten wie Frankfurt oder Offenbach haben die meisten Schülerinnen und Schüler einen mehrsprachigen Hintergrund, auch wenn sie über die deutsche Staatsbürgerschaft verfügen. Es gibt in Hessen den herkunftssprachlichen Unterricht. Trägt das Bildungssystem damit der Mehrsprachigkeit ausreichend Rechnung?

Klare Antwort: Natürlich nicht! Der herkunftssprachliche Unterricht ist spätestens seit 1999 ein Spielball der Politik und wir haben mehr Rückschritt als Fortschritte erlebt. Das Land Hessen hat sich immer mehr aus seiner Verantwortung herausgezogen und die Organisation und Finanzierung zunehmend in die Hände der Herkunftsstaaten gelegt. Der herkunftssprachliche Unterricht wurde quantitativ und qualitativ abgewertet und ist heute ein vom Lehrbetrieb völlig losgelöstes Nachmittagsangebot. Die Schülerinnen und Schüler kommen, wenn nur noch die Putzkolonnen in der Schule sind. Das Signal der Landesregierung heißt: Das ist der Platz eurer Muttersprachen, sie gehören nicht in die Schule. Zur Verankerung der Mehrsprachigkeit in Schulen gehört aber nicht nur die Aufwertung des herkunftssprachlichen Unterrichts, sondern auch der Ausbau des Fremdsprachenangebots und des bilingualen Fachunterrichts. Hier muss viel mehr getan werden! Und solche Angebote darf es nicht nur an Schulen in privater Trägerschaft geben. Der öffentliche Schulsektor muss hier dringend nachlegen. Ansonsten verstärken sich die Bildungsungleichheiten weiter. Letztlich muss sich die gesellschaftliche Vielfalt und die Tatsache, dass die Bundesrepublik ein Zuwanderungsland ist und bleibt, auch in der Vielfalt des schulischen Sprachangebots widerspiegeln. Die Fokussierung auf das Erlernen der deutschen Sprache ist in diesem Zusammenhang und angesichts der bestehenden Realitäten nicht nachvollziehbar. Es muss endlich begriffen werden: Ein Großteil der Kinder in unserem Bundesland wächst mehrsprachig auf. Sie haben nicht nur ein Recht darauf, dass sie in all ihren Sprachen gefördert werden. Das ist vielmehr eine Grundvoraussetzung für eine adäquate Sprachentwicklung, somit die Grundlage für den Schulerfolg.

Was wäre aus deiner Sicht erforderlich, um Geflüchteten und hier geborenen Kindern der zweiten oder dritten Einwanderungsgeneration mehr Bildungschancen zu ermöglichen?

Ich glaube, hier gibt es nicht die eine Antwort. Es sind strukturelle Veränderungen genauso notwendig wie eine signifikante Steigerung der Bildungsausgaben. Bildung hat einen Wert und eben auch einen Preis. Es kann nicht sein, dass angesichts der immensen Herausforderungen und bekannten Problematiken, bestehende Klassengrößen einen auf individuelle Förderung abzielenden Unterricht unmöglich machen. Es kann nicht sein, dass junge Menschen, die nach jahrelanger Flucht mit erheblichen Defiziten zu uns kommen, maximal zwei Jahre lang eine schulische Maßnahme besuchen können und dabei von Chancengleichheit gesprochen wird. Wir müssen ein Recht auf Schulbesuch verankern, ohne Altersbegrenzung. Um Bildungschancen wahrnehmen zu können, müssen entsprechende Hürden, die dem entgegenstehen, identifiziert und beseitigt werden. Wer weiter an einer nur vierjährigen Grundschulzeit festhält und danach die Kinder in schulformbezogene Schubladen steckt, versagt vielen die gleichberechtigte Teilhabe. Graduelle Veränderungen führen uns hier nicht weiter. Befolgen wir die Ratschläge vieler Wissenschaftler, ziehen wir endlich die Konsequenzen aus zahlreichen Bildungsstudien oder hören wir einfach mal auf die, die tagtäglich in unseren Bildungseinrichtungen arbeiten! Wir sind es dem Grundrecht auf gleichberechtigten Zugang zu Bildung schuldig.

Das Gespräch führte Roman George


Bildungschancen in Zahlen

„Deutschland kann Integration“ ist der Titel des 12. Berichts der Beauftragten für Migration, Flüchtlinge und Integration, der Ende 2019 vorgestellt wurde und dem die hier aufgeführten Zahlen entnommen sind. Die von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund erreichten Schulabschlüsse sind für die Beauftragte Annette Widmann-Mauz (CDU) Ausdruck einer „positiven Entwicklung hin zu höher qualifizierenden Abschlüssen“. Dies werde jedoch durch weiter bestehende „große Unterschiede zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund“ und seit 2015 durch den Wiederanstieg der Zahl der jungen Menschen ohne Schulabschluss „überschattet“ (S.148). Diese Zahlen werden auch im Bildungsbericht 2020 bestätigt. Danach sank der Anteil der Schulabgängerinnen und –abgänger ohne Hauptschulabschluss von 2006 bis 2014 kontinuierlich von 8,0 auf 5,8 Prozent, um danach bis 2018 wieder auf 6,8 Prozent anzusteigen (Bildungsbericht 2020, S.144).

Schulabschlüsse der 15- bis unter 20-Jährigen

in Deutschland mit und ohne Migrationshintergrund

 

2007

2012

2017

Ohne Abschluss

mit Migrationshintergrund

10,2 %

13,9 %

15,3 %

ohne Migrationshintergrund

5,5 %

7,5 %

5,7 %

Hauptschulabschluss

mit Migrationshintergrund

46,6 %

32,8 %

25,7 %

ohne Migrationshintergrund

32,8 %

24,9 %

17,4 %

Mittlere Abschlüsse

mit Migrationshintergrund

35,4 %

40,6 %

39,6 %

ohne Migrationshintergrund

49,4 %

49,4 %

48,7 %

Fachhochschulreife/Abitur

mit Migrationshintergrund

7,8 %

12,7 %

19,4 %

ohne Migrationshintergrund

12,2 %

18,1 %

28,2 %

Quelle: 12. Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Berlin Dezember 2019, S.148