Kinderrechte in der Kita

Über, durch und für Menschenrechte lernen

HLZ 1-2/2021

Hessen 2021: Jahr der Rechte für alle Kinder

 

Der Blick auf Kindertageseinrichtungen hat sich glücklicherweise im Laufe der letzten Jahrzehnte gewandelt und ihr Bildungsauftrag tritt neben wichtigen „Sorgeaufgaben“ in den Vordergrund. Die Elementarpädagogik ist im hessischen Bildungs- und Erziehungsplan mit umfasst. Damit einher geht nicht nur der Anspruch, dass Kita für ein Bestehen im Schulbetrieb „fit machen“ soll. Mittlerweile hat sich auch die Erkenntnis durchgesetzt, dass wichtige Kompetenzen für die Teilhabe an demokratischen Prozessen als Erwachsene bereits im frühen Kindesalter erworben werden und hierin ein Auftrag an Kitas sowie Tagesmütter und -väter besteht. Demokratiepädagogik und die Umsetzung von Kinderrechten sind Kriterien, an denen sich die Qualität von Einrichtungen frühkindlicher Bildung messen lassen kann – und muss.

Kinder als Rechtssubjekte stärken

So weit, so theoretisch. Kinderrechte umsetzen in der Kita, das heißt Kinderrechte umsetzen für Menschen zwischen 0 und 6 Jahren. In dieser Altersspanne schreitet die Entwicklung von Kindern rasant voran, wobei die Bedürfnisse, kognitiven und körperlichen Fähigkeiten von Lebensjahr zu Lebensjahr völlig unterschiedlich sind. Diese Tatsache birgt in der konkreten Praxis ganz eigene Herausforderungen für alle, die in diesem Bereich pädagogisch arbeiten.

Wie können alle Kinder mitgenommen werden bei der Stärkung als Rechtssubjekte? Ab wann können Kinder den Begriff „Recht“ überhaupt verstehen und sich darauf beziehen? Es bietet sich in der elementaren Kinderrechtebildung die Arbeit auf drei Lernebenen an, wie sie die UN-Erklärung über Menschenrechtsbildung vorschlägt:

  • Lernen durch die Menschen- bzw. Kinderrechte: Kinderrechte werden gelernt bzw. erlebt, wenn ein Kind in einem Umfeld aufwächst, in dem seine Rechte und ihre Grundprinzipien geachtet und gelebt werden, in einer „Kultur der Kinderrechte“.
  • Lernen über die Menschen- bzw. Kinderrechte: Das „über“ bezieht sich auf das kognitive Wissen über die Kinderrechte und das Verständnis ihrer Bedeutung für das eigene Leben.
  • Lernen für die Menschen- bzw. Kinderrechte: Lernen „für“ Kinderrechte meint die Erfahrung des persönlichen Einsatzes und das Starkmachen dafür, dass die Kinderrechte für alle Kinder auch eingehalten werden, im Großen, aber auch im Kleinen und Alltäglichen.

Dabei ist dieses Konzept im Sinne eines Stufenmodells zu verstehen, in dem die Ebenen aufeinander aufbauen. In einer Umgebung, in der eine Kultur der Kinderrechte gelebt wird, fällt es leichter, die Rechte in ihrer Gültigkeit zu begreifen und zu verstehen, dass jedes Kind einen Anspruch darauf hat, als wenn der Bruch verschiedener Kinderrechtsbereiche die Normalität darstellt, in der Kinder aufwachsen. Konkret: Erleben Kinder es als selbstverständlich, dass im Kindergarten niemand „einfach so“ an das Fach mit ihren persönlichen Sachen geht, ist es leichter zu verstehen, was „Privatsphäre“ bedeutet und dass es nicht nur unangenehm, sondern auch nicht in Ordnung ist, wenn diese nicht geachtet wird. Und Kindern, die in ihrem Recht auf Mitbestimmung von klein auf ernstgenommen werden und die ihre Rechte klar benennen können, fällt es leichter, sich dafür einzusetzen, dass die Kinderrechte eingehalten werden.

Was bedeutet „Kinderrechte-Kultur“?

Für den Bereich frühkindlicher Bildung, besonders für die Begleitung von Kindern unter drei Jahren, ist die Umsetzung von Kinderrechten auf der Ebene des „Lernens (oder Erfahrens) durch“ entscheidend. Kinder in diesem Alter begreifen die Welt um sich herum und die Regeln, die dort gelten, noch nicht primär durch Worte, in denen sie ihnen erklärt werden. Sie erleben ein Wertesystem dadurch, dass bestimmte Abläufe, Rituale, Umgangsformen sich verlässlich wiederholen. Dabei haben sie schon früh ein Gespür dafür, ob etwas für alle oder nur für manche, ob es immer oder unregelmäßig gilt und von allen Erwachsenen gleichermaßen oder nur einigen so gehandhabt wird. Je beständiger die Erwachsenen in der Kita (aber natürlich auch zuhause) gemeinsamen Werten folgen, desto leichter fällt es Kindern, selbst einen „inneren Kompass“ zu entwickeln, auch ohne schon Worte dafür zu haben. Es ist also zunächst wichtig, gemeinsam als Team in der Kita und möglichst in Zusammenarbeit mit den Eltern eine Haltung zu entwickeln, in der die Kinderrechte die Basis für Entscheidungen und das Verhalten in Alltags- oder Konfliktsituationen sind. In den Kitas, mit denen Makista im Rahmen des Projektes „Kleine Worte – Große Wirkung!“ an der Entwicklung zu „Häusern der Kinderrechte“ arbeitete, bedeutete das zunächst oft, dass sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in einen Prozess der Selbstbeobachtung begaben. Sie überprüften, wo die Grundprinzipien der UN-Kinderrechtskonvention – Schutz, Gleichheit, Förderung und Partizipation – in ihrer Einrichtung bereits implizit umgesetzt sind: auf der strukturellen Ebene z.B. durch die Verfügbarkeit von „Ruhezonen“ als geschützte Bereiche oder die Möglichkeit für die Kinder, den Platz zum Spielen innerhalb der Kita frei zu wählen. Oder dadurch, dass die Auswahl der Bücher in der Einrichtung gesellschaftliche Vielfalt abbildet, statt Klischees zu reproduzieren. Aber auch ihr persönliches Verhalten reflektierten die Erzieherinnen und Erzieher, etwa in einem individuellen Alltagstagebuch. „Eine Haltung ist ja etwas, das man immer wieder einnehmen muss, nicht etwas, das man hat“, sagte die Mitarbeiterin einer Kita während eines Austauschtreffens. Sie stellten sich Fragen wie: Achte ich während des Wickelns darauf, dass andere Kinder nur dann zuschauen, wenn das Kind auf dem Wickeltisch das auch möchte, auch wenn es sich verbal noch nicht äußern kann? Gehe ich eigentlich wirklich mit allen in der Kita gesprochenen Sprachen gleich wertschätzend um? Beziehe ich in der Lösung eines Konfliktes die Rechte aller Beteiligten ein? Denn diese kleinen Alltagserlebnisse der Kinder sind es, die die kinderrechtliche Kultur einer Kita ausmachen.

Eine solche Kinderrechtekultur ist in einem Großteil der Kitas gelebter Alltag, wobei die Schule durchaus noch dazulernen kann. Warum ist es wichtig, sich auch explizit auf Kinderrechte zu beziehen, sie immer wieder konkret zu benennen und mit dem zu verknüpfen, was die Kinder täglich im Umgang mit den Erwachsenen und der Peer-Group erfahren?

Situationen beim Übergang in die Schule

Dazu eine typische Situation beim Übergang von Kindern von der Kita in die Grundschule: Alles ist neu, sie müssen sich an einen ganz anderen Tages- und Wochenablauf gewöhnen. Man muss sich viel länger als bisher mit einer Sache beschäftigen, ist von noch fremden Kindern umgeben und plötzlich nicht mehr Teil „der Großen“, sondern unter den Jüngsten. Und plötzlich wird man viel weniger nach der eigenen Meinung gefragt, als das in der Kita der Fall war. Christa Kaletsch und Jasmine Gebhard schreiben dazu in ihrem im November 2020 erschienenen Buch „Kinderrechte in der Kita“ Folgendes: „Möglichkeiten, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen, sich umsichtig in die Entscheidungsfindung einzubringen und demokratisches Handeln zu erproben, gibt es in der Kita viele. Je nach Konzept und Struktur sind die Gelegenheitsräume unterschiedlich ausgestaltet. Es ist aber nicht selten, dass Kinder, die von der Kita in die Grundschule wechseln, bereits Erfahrungen als Gruppensprecher*innen oder gar Kita-Sprecher*in gemacht haben. Die meisten Kinder sind mit Morgen- und Sitzkreisen vertraut und haben wichtige Verfahren der Entscheidungsfindung in der Kinderkonferenz erlernt. Wer mit diesem Erfahrungsschatz aus der Kita in die Grundschule wechselt, kann leicht in die Arbeit mit dem Klassenrat einsteigen. Wer als Kita-Sprecher*in tätig war, wundert sich sicher, wenn es in der ersten Klasse keine Klassensprecher*in gibt.“

Kinder, die Partizipationsangebote nicht nur als selbstverständlich erlebt, sondern als ihr Recht kennengelernt haben - also als etwas, das ihnen zusteht, Verbindlichkeit besitzt und nicht einfach genommen werden darf - werden viel eher einfordern, auch in der Grundschule beteiligt zu werden, und den Wegfall dieser Möglichkeiten nicht einfach als Teil der Veränderungen akzeptieren, die eben mit der Schule einhergehen: „Wieso ist das Schulparlament erst ab der dritten Klasse? In der Kita durften sogar die Zweijährigen schon abstimmen!“ Dasselbe gilt für alle anderen Bereiche der Kinderrechtskonvention.

Ein wichtiger Baustein von „Kleine Worte – Große Wirkung!“ war deshalb - neben der Institutionenentwicklung - die Entwicklung von Materialien mit Spielen, Liedern, Buchtipps und Formulierungsvorschlägen zur Thematisierung der Kinderrechte mit Kindern im Vorschulalter.

Die meisten im Projekt beteiligten Kitas berichteten, wie schnell die Kinder begannen, sich in ihrer Alltags- und Konfliktgestaltung oder bei Anliegen auf die Kinderrechte zu beziehen. Sie erinnerten sich gegenseitig, aber auch die Erwachsenen immer wieder daran und trugen das Wissen auch nach Hause in ihre Familien oder in den Stadtteil, wo sie sich zum Beispiel erfolgreich für neue Geräte auf Spielplätzen einsetzten.

Hannah Abels

Die Autorin ist Bildungsreferentin bei Makista e.V.

https://www.makista.de


Ein Buch aus der Praxis für die Praxis

„Kinderrechte in der Kita“ von Christa Kaletsch und Jasmine Gebhard erschien Ende 2020 in der Reihe Debus Pädagogik im Wochenschauverlag. Es umfasst 80 Seiten und kostet als Taschenbuch 12,99 Euro. Die Autorinnen, die sich im Verein Makista engagieren, haben ein Buch „aus der Praxis für die Praxis“ geschrieben. Es will Fachkräften Mut machen, ihr pädagogisches Handeln mit Blick auf die Kinderrechte zu reflektieren. Sie können dabei entdecken, wie viel konkrete Demokratie- und Menschenrechtsbildung bereits in ihrem Tun steckt. Wenn Kita-Teams sich auf den Weg machen, ihr Handeln an den Kinderrechten zu orientieren, stellen sie oft fest: „Das ist nichts Zusätzliches. Im Gegenteil, das stärkt uns in schwierigen Situationen und bei der Entscheidungsfindung.“ Einblicke in Reflexionsprozesse und methodische Anregungen vermitteln, wie Kinder, Eltern und Erzieher*innen sich ein Verständnis der Kinderrechte aneignen können.