Qualifikation tut Not

Der Kinderschutz in den Studiengängen der Sozialen Arbeit

HLZ 1-2/2021

Hessen 2021: Jahr der Rechte für alle Kinder

Maud Zitelmann lehrt und forscht an der Frankfurt University of Applied Sciences und hat eine der wenigen Professuren an deutschen Hochschulen für Jugendhilfe und Kinderschutz. Auch die weiteren Schwerpunkte Pflegekindschaft, Heimerziehung und Kinderrechte kennt sie aus persönlicher und beruflicher Erfahrung. Im HLZ-Gespräch bezeichnete sie den Kinderschutz als eine „wichtige Zukunftsaufgabe“ (1-2/2018). Der folgende Beitrag beruht auf einem Vortrag bei der „Gedenkveranstaltung für Yagmur“ am 17. Dezember 2019. Das drei Jahre alte Mädchen Yagmur starb 2013 an 82 Verletzungen in Hamburg und steht stellvertretend für die Kinder, die trotz der Einschaltung staatlicher Einrichtungen zu Tode kamen: „Der Tod des kleinen Mädchens ereignete sich in der Weltstadt Hamburg vor den Augen vieler Menschen und staatlicher Institutionen. Doch so schrecklich der Tod des kleinen Mädchens war, hat er doch das Thema Kindeswohlgefährdung und Kinderschutz in den Fokus der Politik gerückt.“

www.yagmur-stiftung.de

Nimmt ein Kind durch Handeln oder Unterlassen des Staates schweren Schaden oder kommt das Kind sogar um sein Leben, muss von diesen furchtbaren Fehlern gelernt werden. Staat und Gesellschaft schulden Kindern wie Lara-Mia, Chantal, Yagmur, Tayler und Mohamed sowie deren Familien zumindest die schonungslose Wahrheit. Es ist richtig, dass sich Politik, Justiz und Jugendhilfe der Aufarbeitung solcher Fälle in den letzten Jahren wiederholt gestellt haben. Viele strukturelle Mängel im System und an den Schnittstellen von Disziplinen und Institutionen sind ausgemacht, sie bedürfen nicht der immer neuen Benennung, sondern endlich der Veränderung.

Auch die Hochschullehre hat ihren Anteil am Systemversagen im Kinderschutz, denn keine der für den Kinderschutz zuständigen Berufsgruppen wird im Studium systematisch auf diese verantwortungsvolle Aufgabe vorbereitet. Das gilt gleichermaßen für Familienrichter, Sachverständige und Verfahrensbeistände wie für die Fachkräfte im Jugendamt, in den Erziehungshilfen und im Gesundheits- und Bildungswesen. Nicht einmal die Beratung von Kinderschutzfällen setzt eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung im Kinderschutz voraus. An unserer Hochschule in Frankfurt bilden wir junge Menschen aus, die danach in Jugendämtern, mit Familien in Krisen, mit Pflegefamilien oder mit traumatisierten Kindern in Tagesgruppen und Heimen arbeiten. Sie tragen dort engagiert und unter schwierigsten Bedingungen die Verantwortung für das Leben und die Entwicklung jener Kinder und Jugendlichen, die massive Vernachlässigung, sexuellen Missbrauch und Gewalt erleben, und leisten die persönlich wie fachlich herausfordernde Arbeit mit deren Eltern.
Der für alle Ausbildungs- und Studiengänge der Sozialen Arbeit geltende Qualifikationsrahmen ist jedoch viel zu unspezifisch. Kinder kommen hier kaum vor, Kinderschutz schon gar nicht. Das Fachgebiet ist weder im Studium noch für die Prüfungen ein Pflichtfach. Die Hälfte der einschlägigen Studiengänge in Deutschland weist im Vorlesungsverzeichnis kein Lehrangebot zum Kinderschutz aus. Wo Lehre vorgehalten wird, geht es oft um einzelne Fallgruppen oder Teilaspekte, eine Systematik des Studienangebots ist kaum je erkennbar.

Dies war bis vor wenigen Jahren auch in Frankfurt nicht anders, bis wir durch den Tod der acht Monate alten Siri aus Wetzlar aufgerüttelt wurden. Schon wenige Wochen nach ihrer Geburt wurde sie verbrüht, geschlagen, hochgeworfen und angstschreiend von den amüsierten Eltern gefilmt. Nachbarn informierten wiederholt das Jugendamt, die Rollläden seien tagsüber zu. Die zuständige Fachkraft, eine Berufsanfängerin, sprach mit den Eltern, versäumte aber, das Kind richtig anzusehen. Vorhanden waren zu dieser Zeit alte und neue Brüche an Armen, Beinen und am Oberkörper, der ganze Körper war voller Hämatome und Siri spindeldürr, sie hatte Augenringe und strohige Haare. Siri starb mit zertrümmertem Schädel. „Ich habe bis auf ein Pflaster auf Siris Stirn keine Verletzungen wahrgenommen und wahrnehmen können“, erklärte die junge Sozialarbeiterin, eine Absolventin unserer Hochschule, später vor dem Strafgericht. Hätte sie schon im Studium den warnenden Hinweis der Rechtsmedizin erhalten, sich gefährdete Kinder am ganzen Körper anzuschauen, hätte sie beim Hausbesuch ein gemeinsames Wickeln des Babys vorgeschlagen. Siri hätte dies vielleicht das Leben gerettet. Das Gericht stellte fest, dass die angeklagte Sozialarbeiterin im Studium „keine speziellen Kenntnisse in dem Themengebiet Kindesmisshandlung erworben“ habe. Zwar gebe es an der Fachhochschule ein Themengebiet Kinderschutz, doch sei dies „von ihr nicht belegt worden“. Der Strafprozess endete mit einem Freispruch und war zugleich der Auftakt für eine Entwicklung, die im letzten Jahrzehnt zu dem interdisziplinären Frankfurter Modell „Kinderschutz in der Lehre“ führte.

Interdisziplinärer Kinderschutzfachtag

Jedes Jahr besuchen seither 700 Studierende des zweiten Semesters unseren Interdisziplinären Kinderschutzfachtag, an dem neben Lehrenden der Sozialen Arbeit auch Vortragende der Rechtsmedizin, des Familiengerichts, des Jugendamtes und der Kinderschutzambulanz mitwirken. Im Anschluss findet - ebenfalls als Pflichtveranstaltung - ein mehrtägiges Fallseminar statt. Begleitet von einem Lehrenden-Tandem aus Recht und Sozialer Arbeit setzen sich Studierende hier mit Kinderschutzfällen auseinander, oft mit dem Fall Kevin oder dem Fall Yagmur, aber auch mit anderen Fällen. Grundlage sind Filmberichte und Erzählungen und Akten erwachsener Betroffener, auch zu gelingendem Kinderschutz. Im Studium werden 15 Schwerpunkte angeboten, das Theorie- und Praxismodul „Hilfen zur Erziehung / Kinderschutz“ ist besonders nachgefragt. Etwa 50 Studierende bereiten sich hier jedes Semester auf die Praxis im Jugendamt oder in den Erziehungshilfen vor und absolvieren begleitete Praktika. In Vertiefungsseminaren geht es um Themen wie sexuelle Grenzverletzung, Traumapädagogik, Heimerziehung oder medizinischer Kinderschutz.

In enger Zusammenarbeit mit der Frankfurter Kinderschutzambulanz entstand vor wenigen Jahren als weiteres Lehrformat eine interdisziplinäre Vorlesungsreihe, in der wir typische Gefährdungslagen von Kindern aus Sicht verschiedener Disziplinen besprechen. „Gutes setzt sich durch“, meinte der Oberarzt der medizinischen Kinderschutzambulanz Dr. Bartels, als wir vor einigen Jahren diese Veranstaltung ehrenamtlich ins Leben riefen. Heute werden die mehrstündigen Vorlesungen mit Expertinnen und Experten aus Hochschule, Polizei, Staatsanwaltschaft, Jugendhilfe, Rechtsmedizin und medizinischem Kinderschutz sechs Mal im Jahr von mehreren hundert Interessierten besucht.

Unser Lehrangebot ist als „Frankfurter Modell - Kinderschutz in der Lehre“ in der Fachöffentlichkeit bekannt und dieses Jahr sogar mit dem renommierten Kinderschutzpreis der Hanse Merkur in Hamburg ausgezeichnet worden. Curricular wurde der Kinderschutz jedoch bis heute auch in Frankfurt noch in keinem Studiengang verankert. Unser Lehrangebot steht und fällt mit einer sehr kleinen Gruppe engagierter Lehrender und erreicht nur einen kleinen Teil der Studierenden.

Die meisten erhalten gerade mal 30 Stunden Lehre zu Themen des Kinderschutzes, nicht wenige von ihnen arbeiten später im Jugendamt. Fälle wie die von Siri oder Yagmur können sich auch bei uns in Hessen zu jeder Zeit wiederholen.

Die Rahmenbedingungen in der Sozialen Arbeit

Das breit und unspezifisch angelegte Grundlagenstudium der Sozialen Arbeit ist aus meiner Sicht nicht geeignet, um Fachkräfte auszubilden, die in den Erziehungshilfen mit traumatisierten Kindern oder als Fallverantwortliche im Jugendamt arbeiten. Die in § 72 SGB VIII geforderte persönliche und fachliche Eignung wird in unseren Hochschulen für die genannten Handlungsfelder in der Regel nicht hinreichend vermittelt. Deshalb ist es folgerichtig, die fachliche Eignung zur Arbeit mit gefährdeten bzw. traumatisierten Kindern und Jugendlichen an ein spezifisches, interdisziplinär fundiertes Masterstudium zu binden. Verbunden mit einer staatlichen Anerkennung rechtfertigt dies dann auch die Höherstufung des Tarifs auf S 15 TVöD SuE, die zugleich auch eine Chance bieten würde, dem Fachkräftemangel und der hohen, fachlich unhaltbaren Fluktuation im Kinderschutzbereich zu begegnen.

Ich höre seit vielen Jahren Berichten aus der Praxis zu, die zeigen, wie die Arbeitsbedingungen in der Jugendhilfe ein qualifiziertes Handeln erschweren oder sogar verhindern. Seit Jahren höre ich, wie in Jugendämtern im engen Gemeinschaftsbüro bis zu sechzig oder achtzig Familien mit noch mehr Kindern von dauernd wechselndem Personal betreut werden, dem kaum Zeit zur Dokumentation, zum Studium von Akten und zur Reflexion bleibt. Ich höre, dass bei der Hilfeplanung aus Zeitnot auf Einzelgespräche mit Kindern, Eltern und Betreuern verzichtet wird und dass Überlastungsanzeigen zur Weisung führen, die Hilfeplanung über Monate ganz ruhen zu lassen und nur Gefährdungsmeldungen abzuarbeiten. Ähnlich unhaltbar ist die Situation in den Heimen: Was nutzt traumapädagogische Fachkompetenz, wenn der Schichtdienst die Betreuung von acht traumatisierten Kindern durch eine einzelne Person vorsieht? Geschähe dies in einer Familie, würden wir wohl von einer Gefährdung sprechen.

Gute Qualifikation allein genügt nicht, der Kinderschutz braucht andere Arbeitsbedingungen. Wir brauchen Jugendämter, die das Kind und sein Erleben konzeptionell in das Zentrum stellen und nicht primär die Eltern. 30 Kinder je Fachkraft sind genug. Wir brauchen großzügige, freundliche Räume zur Kommunikation mit Kindern, zur Beratung lebensgeschichtlich belasteter Eltern und zur konzentrierten Dokumentation und Fallreflexion. Und wir brauchen schon aufgrund der Ausbildungsdefizite einen durch Bund und Länder organisierten Pool an Fachleuten, an die sich alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Jugendämtern, Heimen oder Kliniken mit ihren rechtlichen, medizinischen oder psychologischen Fragen zum Kinderschutz niedrigschwellig wenden können.
Hochschulen dürfen sich ihrer Verantwortung nicht weiter entziehen und die Bedingungen in der Praxis müssen den Schutz und wirksame Hilfen für misshandelte Kinder und ihre Familien durch qualifizierte Fachkräfte ermöglichen: Kinderschutz kostet Geld; fehlt er, kostet dies Leben.

Prof. Dr. Maud Zitelmann

Maud Zitelmann lehrt und forscht an der Frankfurt University of Applied Sciences und hat eine der wenigen Professuren an deutschen Hochschulen für Jugendhilfe und Kinderschutz.