Hessen: Vor einhundert Jahren

von Harald Freiling

HLZ 1-2/2019

Zu den Legenden um den Ausbruch des Ersten Weltkriegs gehört die der uneingeschränkten Kriegsbegeisterung. Tatsächlich riefen die Gewerkschaften und die SPD bereits am 1.Mai 1913 unter dem Eindruck wachsender Spannungen zwischen den Großmächten und allgemeiner Kriegsvorbereitungen zu Demonstrationen „gegen Völkerverhetzung und Völkermord, für Kultur und Völkerfrieden“ auf, so die Anzeige im Hessischen Volksfreund. Am 26. September 1913 hielt Rosa Luxemburg in der Gastwirtschaft „Zur Liederhalle" in der Frankfurter Basaltstraße eine Rede, für die sie 1914 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde: „Wenn uns zugemutet wird die Mordwaffen gegen unsere französische und anderen Brüder zu erheben, dann rufen wir: Das tun wir nicht!"

Am 1. Oktober 1916 forderten mehrere zehntausend Menschen bei einer Kundgebung im Frankfurter Ostpark einen „ehrenvollen Frieden ohne Eroberungen“ und am 30. Januar 1918 schlossen sich auch die Arbeiter der Henschelwerke in Kassel der Massenstreikbewegung gegen den Krieg an. Sie fordern nicht nur die „schleunigste Herbeiführung des Friedens ohne Annexionen und Kriegsentschädigungen“, sondern auch die „durchgreifende Demokratisierung der gesamten Staatseinrichtungen in Deutschland“.

Die von Marinesoldaten in Kiel ausgelöste revolutionäre Bewegung erfasste auch die hessischen Städte. In preußischen Hanau führte der Versuch der Polizei, eine Versammlung der USPD mit Waffengewalt aufzulösen, am 8. November zur Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrats. Das Eintreffen revolutionäre Matrosen aus Norddeutschland führte auch in Frankfurt, Kassel und Wiesbaden zu Massendemonstrationen und zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten. Der in Darmstadt gebildete „Hessische Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat“ rief am 9. November 1918 die „freie sozialistische Republik“ aus und verkündete die Absetzung des Großherzogs Ernst Ludwig. In Waldeck wurde Fürst Friedrich von Waldeck-Pyrmont am 13.11. durch den aus Kassel angereisten Arbeiter- und Soldatenrat abgesetzt.

Am 11.November 1918 betraute er die SPD-Fraktion im Landtag unter Carl Ulrich mit der Bildung einer neuen Regierung. In der am 26.1.1919 gewählten „verfassungsgebenden Volkskammer“ bildeten die SPD (44,5 Prozent), die Deutsche Demokratische Partei (18,9 Prozent) und die Zentrumspartei (17,6 Prozent) die stärksten Fraktionen. Die endgültige Verfassung des neuen „Volkstaats Hessen“ trat am 12.Dezember 1919 in Kraft. Rund 40 Prozent des Staatsgebiets, insbesondere die Provinz Rheinhessen, standen bis 1930 unter französischer Besatzung.

Nicht zuletzt auch in den Schulen und Hochschulen und in der öffentlichen Verwaltung blieben die antidemokratischen, restaurativen und reaktionären Strukturen unangetastet. Marburger Studenten beteiligten sich 1920 aktiv an dem „Massaker von Mechterstädt“, bei dem 15 verhaftete Arbeiter erschossen wurden. Bei Militäreinsätzen gegen demonstrierende Menschen kommen am 19. Februar 1919 in Hanau und am 21. Juni 1919 in Kassel mehrere Menschen ums Leben. Bei den Wahlen im Volksstaat Hessen am 27.11.1921 können SPD, DDP und Zentrum zwar ihre Mehrheit behaupten, doch gewinnen die Bauernpartei und die Deutschnationalen insbesondere in Oberhessen bereits über 50 Prozent der Stimmen.

Bei der Eröffnung der Ausstellung „Rote Fahne: 100 Jahre Novemberrevolution“ erinnerte der Vorsitzende des DGB Hessen-Thüringen Michael Rudolph am 6.November 2018 in Straßburg an die Bedeutung der roten Fahne, die „auch heute für soziale Gerechtigkeit, sozialen Fortschritt, für Frieden, Völkerfreundschaft und internationale Solidarität“ steht. Die gemeinsam von DGB Südhessen und CGT Alsace erstellte Ausstellung kann von Schulen ausgeliehen werden und ist vollständig auch im Internet dokumentiert.

https://www.rotefahne1918.eu