Rosa Luxemburg: Ermordet am 15. Januar 1919

von Hartfrid Krause

HLZ 1-2/2019

Rosa Luxemburg war zur radikalen Gegnerin der kapitalistischen Klassengesellschaft geworden, in der Ausbeutung, Hunger und Soldatentod herrschten.

Es gab kein allgemeines, gleiches Wahlrecht (Dreiklassenwahlrecht in Preußen), Sozialdemokraten wurde vielfach als „vaterlandslose Gesellen“ qualifiziert. Politische Rechte wurden der Arbeiterschaft nur teilweise „gewährt“. Die Ungleichheit zwischen den Arbeitern und der besitzenden Klasse konnte man mit Händen spüren. Ihre Hoffnung und Zuversicht setzte sie als Marxistin auf diesen Prozess der weltweiten Selbstbefreiung des Proletariats.

Die Rolle der sozialistischen Partei verstand sie zugleich organisierend oder koordinierend und wegweisend, aber nicht diktierend oder „stellvertretend“ handelnd. In diesem Punkt unterschied sich ihre politische Haltung grundlegend von derjenigen Lenins, die sie kritisiert hat. Sie schrieb im Jahr 1918:

Ohne allgemeine Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder öffentlichen Institution, wird zum Scheinleben, in der die Bürokratie allein das tätige Element bleibt. Das öffentliche Leben schläft allmählich ein, einige Dutzend Parteiführer von unerschöpflicher Energie und grenzenlosem Idealismus dirigieren und regieren, unter ihnen leitet in Wirklichkeit ein Dutzend hervorragender Köpfe, und eine Elite der Arbeiterschaft wird von Zeit zu Zeit zu Versammlungen aufgeboten, um den Reden der Führer Beifall zu klatschen, vorgelegten Resolutionen einstimmig zuzustimmen, im Grund also eine Cliquenwirtschaft – eine Diktatur allerdings, aber nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die Diktatur einer Handvoll Politiker.

In der Sozialdemokratie gehörte Rosa Luxemburg vor dem Ersten Weltkrieg zum linken Flügel.  Sie Luxemburg sprach auf vielen SPD-Parteitagen sich immer wieder in Auseinandersetzungen mit den Gewerkschaftsvertretern und dem rechten Flügel der SPD für das Kampfmittel des Massenstreiks (‚Niederwerfungsstrategie‘ statt ‚Ermattungsstrategie‘) aus, auch zur Erreichung des Frauenwahlrechts

„Der Massenstreik […] war und ist von keinem Menschen als Gegensatz zum Parlamentarismus, sondern als seine Ergänzung, ja, als Mittel, parlamentarische Rechte zu erringen gedacht. Nicht als Gegensatz zum täglichen Werke der Schulung, Aufklärung und Organisierung der Massen, sondern als ein hervorragendes Mittel, gerade die Schulung, Aufklärung und Organisierung der proletarischen Massen zu fördern“.

Ihre ‚revolutionäre Ungeduld‘ verführte sie nie zu voluntaristischen Übersprunghandlungen. Sie lehnte eine Stellvertreterpolitik über das Proletariat ab; sie versuchte, die Massen zu mobilisieren, ihnen Lehrerin im revolutionären Kampf zu sein.

Ein Verlassen der Sozialdemokratie, in der die übergroße Mehrheit der Arbeiter organisiert war und in der reformerische Strategien dominierten, war für sie lange Zeit gleichwohl undenkbar, es wäre für sie einem „Austreten aus der Menschheit“ nahe gekommen.

Und doch sah sie in der epochalen Frage des aufkommenden nationalistisch geführten Weltkrieges das bittere Ende des sozialdemokratischen Internationalismus. Rosa Luxemburg gehörte 1914 zu den ersten und klarsten Kriegsgegnern; sie lehnte die Politik der Mehrheit der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion entschieden ab, die am 4. August 1914 den Kriegskrediten zugestimmt hatte. In der Spartakusgruppe sammelten sich nach dem August 1914 um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sozialdemokratische Linke. In der 1917 neu gegründeten Unabhängigen Sozialdemokratie (USPD) blieb die Spartakusgruppe selbständiges Mitglied mit eigenen Publikationen (Spartakusbriefe).  Im April 1915 schrieb Rosa Luxemburg unter dem Pseudonym Junius die Broschüre Die Krise der Sozialdemokratie.  Darin kritisierte sie das Versagen der Sozialdemokratie am 4. August 1914: sie konstatierte statt „selbständiger Klassenpolitik“, sowie „die herrschenden Klassen Vorwärtspeitsch[en]“ nur lammfromme Zustimmung zu den Kriegskrediten und damit die Aufgabe jeder eigenständigen Politik. Als radikale Sozialistin setzte und hoffte sie auf die politische Revolution, auf die Übernahme der politischen Macht durch die Arbeiterbewegung, in ihrer Sprache: auf die proletarische Revolution. In der Junius-Broschüre schrieb sie:

Gigantisch wie seine Aufgaben [i.e. des Proletariats] sind auch seine Irrtümer. […] Die geschichtliche Erfahrung ist seine einzige Lehrmeisterin, sein Dornenweg der Selbstbefreiung ist nicht bloß unermessliches Leiden, sondern auch mit unzähligen Irrtümern gepflastert. Das Ziel seiner Reise, seine Befreiung hängt davon ab, ob das Proletariat versteht, aus den eigenen Irrtümern zu lernen.

Sie war zutiefst davon überzeugt, dass die Dialektik der Geschichte die Notwendigkeit einer revolutionären Veränderung immer wieder auf die Tagesordnung stellen würde; daraus schöpfte sie die Kraft, auch in schier ausweglosen Situationen den Glauben an die Revolution nicht zu verlieren.

Aus dem Gefängnis in Breslau Anfang November 1918 entlassen und in Berlin angekommen sah sie sich plötzlich mitten in jener revolutionären Situation, auf die sie gehofft, für die sie gearbeitet hatte. Bis Januar 1919 stand hektische Tagesarbeit an:  für das Erscheinen der jeweils folgenden Nummer der Zeitung Die Rote Fahne ein ausfüllendes Tagesprogramm bis tief in die Nacht. Das Schreiben von Artikeln, die Organisation des Druckes, die Papierbeschaffung, aber auch die Suche nach sicheren Schlafstätten in Hotels oder bei zuverlässigen Genossen, um Mordaufrufen (‚Schlagt Luxemburg und Liebknecht tot‘) zu entgehen, war zeitlich so aufreibend, dass kaum noch Zeit zum Durchatmen, Planen, Bücher Lesen, Zurücktreten und Reflektieren, wo man steht, vorhanden war.

Am 14. Dezember 1918 veröffentlichte Rosa Luxemburg das Spartakusprogramm, das unverändert bei Gründung der Kommunistischen Partei wenige Wochen später übernommen wurde. Ihre Kritik an den Bolschewiki wurde, wenn auch nur indirekt, erneut formuliert:

Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Terrors, sie hasst und verabscheut den Menschenmord. […] Der Spartakusbund wird nie anders die Regierungsgewalt übernehmen als durch den klaren, unzweideutigen Willen der großen Mehrheit der proletarischen Masse  in Deutschland, nie anders als kraft ihrer bewussten Zustimmung zu den Aussichten, Zielen und Kampfmethoden des Spartakusbundes. Die proletarische Revolution kann sich nur stufenweise, Schritt für Schritt, auf dem Golgathaweg eigener bitterer Erfahrungen, durch Niederlagen und Siege zur vollen Klarheit und Reife durchringen.

Der Berliner Januar-Aufstand (selbst bis heute fälschlich immer wieder als ‚Spartakusaufstand‘ bezeichnet) wurde von den Berliner Obleuten, Teilen der linken USPD (um Georg Ledebour)  und der jungen KPD (um Karl Liebknecht) getragen. Militärisch wurde er von dem Garde-Kavallerie-Schützenkorps unter der Verantwortung von Gustav Noske (‚Einer muss der Bluthund sein‘) blutig niedergeschlagen. Luxemburg war klarsichtig genug gewesen, um zunächst gegen den Aufstand zu sprechen, da die Kräfte zu schwach waren; sie unterstützte ihn aus Solidarität mit den Aufständischen dann gleichwohl publizistisch, auch wenn ihr klar war, dass dieser Aufstand zu dieser Zeit nicht erfolgreich sein konnte.  Nach der militärischen Niederschlagung (12. Januar 1919) und vor den Wahlen zur Nationalversammlung (19. Januar 1919) wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg am 15. Januar verhaftet, brutal misshandelt und ermordet.

Rosa Luxemburg wurde am 5. März 1871 in Polen geboren.  Sie stammt aus einer jüdischen Familie, die stark durch die Aufklärung geprägt war. Der Vater, ein angesehener Kaufmann, hat für seinen sieben Söhnen und seiner Tochter Rosa eine gründliche schulische Bildung ermöglicht. Sie lernte bereits mit 5 Jahren lesen und schreiben. Ihr Abschlusszeugnis aus dem Warschauer Mädchengymnasium 1887 zeigt die vielseitig begabte Rosa: fast in allen Fächern die Note ausgezeichnet, sei es Mathematik, Geografie, Geschichte oder auch ‚weibl. Arbeiten‘. Nach dem Studium in Zürich führte ihr Weg sie bald zur deutschen Sozialdemokratie, wo sie auf dem linken Flügel schreibend und redend aktiv wurde. In vielen Briefen und unmittelbaren Kontakten zeigte Rosa Luxemburg ihre große Empathie anderen Menschen gegenüber, unabhängig von politischen Meinungsverschiedenheiten, etwa Luise Kautsky. Als hervorragende Agitatorin in Wahlkämpfen, als scharf formulierende Rednerin auf den SPD-Parteitagen, wurde Rosa Luxemburg sehr schnell national und international bekannt.

In der Hoffnung und Erwartung auf eine proletarische Revolution hat sie allerdings im Januar 1919 die Chancen der deutschen, revolutionären Arbeiterschaft überschätzt (oder dem klaren Willen der Arbeiterführer, sei es USPD, oder die revolutionäre Obleute), und doch hat sie nichts anderes gewollt, als dass die Menschen der unterdrückten Klassen zu ihren Rechten kommen. „Die Internationale erkämpft das Menschenrecht“, hat sie mit Tausenden Genossinnen und Genossen gesungen.   

Auch lange Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zeigten sich gebrochene Traditionslinien zu Rosa Luxemburg an dem Fehlen einer spezifischen Erinnerungskultur durch öffentliche Namensnennung: nur in den neuen Bundesländern gibt es Schulen, die nach Rosa Luxemburg benannt sind; in den alten Bundesländern findet man in Frankfurt/Main immerhin eine Rosa-Luxemburg-Straße, ansonsten nur in mehreren Städten in den neuen Bundesländern.