Berufliche Schule

Der Wendepunkt

Akademisierung versus berufliche Bildung

HLZ 6/2020: Berufliche Bildung

Der Trend zum Erwerb einer Hochschulzugangsberechtigung ist ungebrochen. 2011 wurde erstmals ein Gleichstand zwischen der Zahl der Anfängerinnen und Anfänger im dualen Ausbildungssystem und der Zahl der Studienanfängerinnen und Studienanfänger erreicht. Dieser Trend setzt sich bis heute fort. 2013 waren es knapp 512.000 Studienanfängerinnen und Studienanfänger und damit erstmals mehr als die rund 491.000 Anfängerinnen und Anfänger in der dualen Berufsausbildung. Inzwischen nehmen rund 55 % eines Jahrgangs ein Studium auf. Seit 2005 ist die Zahl der Anfängerinnen und Anfänger im dualen System um 4,4 % gesunken (von 517.342 auf 494.537), die Zahl der Studienanfängerinnen und Studienanfänger stieg im selben Zeitraum um 40,3 % (von 366.242 auf 513.988). Diese Entwicklung, die eine markante Erhöhung der Zahl der Schulabgängerinnen und Schulabgänger mit Studienberechtigung voraussetzt, ist kein irrationaler Massentrend, der in einem „Akademisierungswahn“ mündet, wie von manchem Autor suggeriert, sondern die Konsequenz strukturell angelegter Bildungsreformen seit den 1970er Jahren. Startpunkt dafür waren Reformen, die ein „Recht auf Bildung“ initiierten, jedoch faktisch zu einem „Recht auf Hochschulbildung“ mutierten. 

Konsequenzen einer Trendwende

Die Trendwende zugunsten der Hochschulbildung, so wie sie von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der Europäischen Kommission, der UNESCO und der Weltbank gefordert wurde, zeigt Wirkung. Die sogenannte „tertiary education“ (tertiäre Bildung) setzt sich durch und zwar ganz im Sinne der Planung der Bildungspolitik. Mit Studienanfängerquoten von inzwischen merklich mehr als 50 Prozent eines Jahrgangs gehört Deutschland nicht mehr zu den Nachzüglern unter den Industrieländern, sondern hat mit dem OECD-Durchschnitt mehr als gleichgezogen. 

Von einem Akademisierungswahn kann aus Sicht der politischen Entscheider keine Rede sein. Erstaunlich wenig bis gar nicht wird jedoch über das Risiko einer „Überakademisierung“ diskutiert. In Anlehnung an die strukturell niedrige Arbeitslosigkeit von Akademikern wird argumentiert, dass eine Hochschulausbildung ein Garant für Beschäftigung und höheres Lebenseinkommen ist. Dieses Argument verstärkt den Königsweg, über die Gymnasien in die Hochschulen zu gehen.

Ein weiteres bildungspolitisches Ziel, nämlich die seit wenigstens einem Vierteljahrhundert massiv vorgetragene Forderung nach Gleichwertigkeit und Durchlässigkeit von Ausbildungswegen, hat zu einer vermeintlichen Aufwertung der beruflichen Bildung geführt. Das wird damit belegt, dass beispielsweise Abschlüsse als Meister oder der Fachschule für Technik (z.B. Techniker) dem Niveau 6 des Deutschen Qualifikationsrahmens zugeordnet wurden. Zudem hat die Zahl der Studienanfängerinnen und Studienanfänger ohne Hochschul- oder Fachhochschulreife weiter zugenommen und belief sich 2018 auf 14.800. Das entspricht einem Anteil von 2,9 Prozent der Neueinschreibungen an Hochschulen. Gegenüber 2013 ist das eine Steigerung um mehr als einem Drittel. Rund 45 Prozent dieser Gruppe weisen eine Qualifizierung als Meister oder Fachwirt auf. Voraussetzung dafür ist eine Berufsausbildung. Der Anteil dieser Gruppe ist jedoch sehr klein, so dass nicht von einem Durchbruch zugunsten der Berufsbildung gesprochen werden kann. 

Schülerzahlen an den öffentlichen beruflichen Schulen Hessen

Die Trendwende: Zahl der Anfängerinnen und Anfänger

im dualen System und im Studium

 

Duale Berufsausbildung

Studium

2011

523.577

522.306

2013

491.380

511.843

2015

479.545

509.821

2017

486.428

516.036

2018

494.539

513.988

Quelle: Berufsbildungsbericht 2019 (ohne Berücksichtigung des Übergangssystems und des Gesundheitswesens)

Bedeutungszuwachs der Technologien

Tatsächlich wird der Akademisierungstrend bildungspolitisch weiterhin gestützt. Durch ein ausdifferenziertes Berechtigungswesen wird sichergestellt, dass mit beruflichen Abschlüssen die Durchlässigkeit zum Hochschulstudium möglich wird. Mit dieser vertikalen Stützung der Durchlässigkeit hin zur Akademisierung wird allerdings gleichzeitig signalisiert, dass die berufliche Bildung über einen geringeren Stellenwert verfügt als die gymnasiale, also isoliert neben dem Gymnasium steht und auf Berechtigungen angewiesen ist. Gestützt wird diese Bewertung durch die Tatsache, dass eine akademische Ausbildung immer zu einem höheren Prestige und Einkommen führt. Davon ausgehend ist anzunehmen, dass Akademisierung niemandem schadet und auf den ersten Blick auch keine Nachteile aufweist. 

Betrachtet man in einem zweiten Blick den Arbeitsmarkt, dann wird es schon schwieriger, eindeutige Antworten zu geben. Aktuell liegen keine eindeutigen Erkenntnisse vor, ob der Arbeitsmarkt die größer werdende Anzahl von Akademikerinnen und Akademikern aufnehmen wird. Aufgrund der Digitalisierung sind die gängigen Antworten auf diese Frage auf die Technologieentwicklung ausgerichtet. Unternehmensvertreter erwarten, dass die Technologien einen Bedeutungszuwachs erfahren werden. Angenommen wird, dass eine der Folgen der Digitalisierung sein wird, dass Betriebe einen größeren Akademikeranteil beschäftigen werden, weil die kognitiven Anforderungen höher liegen werden. Real haben die Hochschulen bereits auf diese Entwicklung reagiert, indem stärker anwendungsbezogene Studiengänge eingeführt wurden und sich die „Dualen Hochschulen“ schnell verbreiten. Letztere offerieren zunehmend Studiengänge, die mit einem Bachelor- oder Master-Zertifikat abschließen, jedoch eine starke Beruflichkeitskomponente im Sinne einer Berufsausbildung aufweisen. Sie versuchen, ein akademisch-kognitiv geprägtes Profil mit dem zu verbinden, was ein Highlight in der traditionellen Berufsausbildung und Ausbildung von Facharbeitern ist, nämlich das Studium mit beruflich-praktischen Kompetenzen zu kombinieren.

Betrachtet man die dualen Hochschulen systemtheoretisch von der Anbieterperspektive, dann kann geschlussfolgert werden, dass sie sich auf die gegeneinander abgeschotteten Säulen des allgemeinen und des beruflichen Bildungssystems eingestellt haben und für beide Absolventengruppen geeignete Studiengänge anbieten wollen. Eine andere Sichtweise ist, dass duale Hochschulen die Studiengänge grundsätzlich stärker auf den Arbeitsmarkt ausrichten. 

Das Ende der Berufsausbildung?

Ob die so ausgebildeten Personen letztendlich für die vielen kleinen und mittleren Betriebe und das Handwerk geeignet sind und umfänglich Facharbeiter verdrängen werden, bleibt anzuzweifeln. Ein Beispiel: Die Reparatur eines Oberklassefahrzeugs, sei es von BMW, Mercedes, Toyota oder Ford, ist sehr anspruchsvoll, vor allem wenn es um die Diagnosetechnik geht. Eine kognitive Durchdringung der Vernetzungstechnik der Autos und die praktische Fähigkeit, Fehler systematisch aufzuspüren, erfordern gegenstandorientiertes Wissen, haptisches Können und Erfahrungswissen. Die Fachkräfte in den Reparaturwerkstätten weisen aber in der Regel keine Bachelorausbildung auf, sondern sind auf Facharbeitsniveau qualifiziert. Daraus kann gefolgert werden, dass Fachkräfte, die eine Berufsausbildung absolviert haben, zwar nicht verschwinden werden, doch werden sie zukünftig nicht mehr zwei Drittel oder mehr als die Hälfte auf dem Arbeitsmarkt ausmachen, sondern deutlich weniger. Trotz der hohen Akzeptanz der „Beruflichkeit“ ist die berufliche Erstausbildung erheblich unter Druck geraten. Grund dafür ist, dass trotz des hierarchisch gegliederten Bildungssystems die Strukturlogik der Bildungsreform in den letzten 20 Jahren eine Eigendynamik entwickelt hat und Personen mit einer Hochschulzugangsberechtigung zum akademischen Studium motivierte.

Wie sich das quantitative Verhältnis von Auszubildenden und Studierenden in den nächsten Jahren entwickeln wird, ist offen. Sicher ist allerdings, dass die Akademisierung weiter fortschreiten wird und von daher das duale Ausbildungssystem verstärkt in Frage gestellt werden wird. Es wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach quantitativ auf einem merklich niedrigeren Niveau einpendeln, als das heute der Fall ist.

Für eine Berufsbildungspolitik aus einem Guss 

Eine der zentralen Fragen ist, welche Gegenreaktionen dem dualen System empfohlen werden können, um nicht völlig in der Bedeutungslosigkeit zu versinken:

Erstens müssen sich die Betriebe zur Ausbildung bekennen, sich an dieser aktiver als bisher beteiligen und diese fördern sowie genügend Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen. In den letzten Dekaden ging die Beteiligung der Betriebe kontinuierlich zurück. Dieser Trend ist umzukehren. Um dieses sicherzustellen, kommt es darauf an, dass bereits in der beruflichen Erstausbildung die Innovationsfähigkeit der Auszubildenden besonders gefördert wird. Diese Fähigkeit ist für die Betriebe gerade in den momentanen dynamischen Entwicklungsphasen von großer Bedeutung.

Weil wir uns hin zu einer hochqualifizierten Gesellschaft entwickeln, muss zweitens das duale System auf höchstmögliche Qualität setzen. Das obere Qualitätsniveau der Berufsbildung – oft als „höhere Berufsbildung“ bezeichnet – muss qualitativ mit dem Bachelor-Niveau vergleichbar sein. Es darf jedoch nicht übersehen werden, dass gerade die Schwächeren im Berufsbildungssystem ebenfalls mit Hilfe geeigneter Qualifizierungskonzepte für betriebliche Aufgaben auszubilden sind.

Drittens müssen den Absolventinnen und Absolventen des dualen Systems Karrierechancen offeriert werden, die es lohnend machen, „praktisch“ ausgerichtete Positionen in verschiedenen betrieblichen Kontexten einzunehmen. Für diese Position ist eine Imageförderung zu initiieren und die Bezahlung derjenigen von Akademikerinnen und Akademikern anzugleichen. Damit soll eine Zweitklassigkeit der Berufsausbildung verhindert werden.

Um weiteren Verzettelungen vorzubeugen empfiehlt sich viertens eine Berufsbildungspolitik aus einem Guss, so wie dies schon länger von der IG Metall in der Empfehlung „Erweiterte moderne Beruflichkeit“ gefordert wird. Dahinter verbirgt sich ein „gemeinsames Leitbild für die betrieblich-duale und die hochschulische Berufsbildung“. Die beiden (Aus-)Bildungsrichtungen in einem engen Zusammenhang zu gestalten, sollte das Credo der Zukunft sein. 


Professor Dr. Georg Spöttl

Professor Georg Spöttl war Leiter des Instituts Technik und Bildung (I-TB) der Universität Bremen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Didaktik der Metalltechnik, die internationale Berufsbildung und die berufswissenschaftliche Forschung in Aus- und Weiterbildung.

Foto: panthermedia olly 18