Berufliche Schule

Lehrkräftemangel

Auch an den beruflichen Schulen fehlt der Nachwuchs

HLZ 6/2020: Berufliche Bildung

Obwohl bereits seit mittlerweile mehr als zehn Jahren von verschiedenen Seiten auf einen eklatanten Lehrkräftemangel an beruflichen Schulen in Hessen hingewiesen wird, wird dem Thema weiterhin wenig Beachtung geschenkt. 

Im Dezember 2019 veröffentlichte die Kultusministerkonferenz (KMK) ihre aktuelle Berechnung zum Lehrkräftebedarf. Deutschlandweit können bei den Lehrämtern für berufliche Schulen zukünftig weiterhin rund 25 Prozent der Stellen nicht besetzt werden. Diese Entwicklung macht vor den beruflichen Schulen im Land Hessen nicht halt: Innerhalb der letzten zehn Jahre ist eine massive Verschlechterung bei der Versorgung mit Lehrkräften mit dem entsprechenden Lehramt festzustellen. Die Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst (LiV) an den Studienseminaren für berufliche Schulen in Hessen sind zum Einstellungstermin in den Schuldienst durchschnittlich 37 Jahre alt. Somit geht alle zehn Jahre ein Drittel der Lehrkräfte in Pension, was einem jährlichen Bedarf von mindestens 400 neu ausgebildeten Lehrkräften entspricht. Betrachtet man die Zahl der in Hessen eingestellten LiV, so ist der Trend eindeutig: Die Zahl der LiV mit Lehramt für berufliche Schulen ist viel zu gering und stark rückläufig (siehe Tabelle 2).

Aktivitäten von GEW und AGD

Die Arbeitsgemeinschaft der Direktorinnen und Direktoren an beruflichen Schulen in Hessen (AGD) weist seit Jahren auf diese Missstände hin. In der GEW Hessen ist es vor allem die  Fachgruppe berufsbildende Schulen, die seit langem fordert, konsequent gegenzusteuern und diese „Misere“ zu beseitigen. Gemeinsam setzen sie sich seit Jahren dafür ein, eine Bildungsoffensive „Lehrkräftenachwuchs an beruflichen Schulen Hessens“ zu starten. 

Im Januar 2016 gab es ein Gespräch zwischen den im Hessischen Kultusministerium (HKM) für Lehrkräftenachwuchs und berufliche Schulen zuständigen Personen und Vertretern der Landesfachgruppe berufsbildende Schulen der GEW Hessen. Im November 2016 wies die GEW-Landesvorsitzende in einem Schreiben an den Kultusminister nochmals auf die Misere hin. Im Februar 2017 fand ein Gespräch mit Kultusminister, Staatssekretär, Vertretern des GEW-Landesvorstands und der Fachgruppe berufsbildende Schulen statt. Die Ergebnisse all dieser Gespräche führten nur unwesentlich zu einer Verbesserung der Situation! Im November 2019 forderte die AGD das HKM dazu auf,

  • eine breit angelegte Informations- und Imagekampagne für das berufliche Lehramt auf den Weg zu bringen, um den Bekanntheitsgrad dieses Lehramts zu erhöhen, 
  • in Kooperation mit dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und den hessischen Universitäten attraktive Ausbildungswege für das Lehramt an beruflichen Schulen zu gestalten,
  • bedarfsgerechte Studiengänge anzubieten und Maßnahmen zur Reduzierung der „Drop-out-Quote“ zu entwickeln sowie
  • einen Masterstudiengang für die berufliche Fachrichtung Sozialpädagogik an einer hessischen Universität einzurichten. 

Im Gespräch mit Studierenden

Besonders gravierend ist der Lehrkräftemangel in den beruflichen Fachrichtungen Elektro-, Metall- und Informationstechnik. Mangelfächer sind vor allem Mathematik, Physik und Informatik. Bedingt durch die oben dargelegte mangelnde Lehrkräfteversorgung an vielen Schulen unterrichten zunehmend Studierende in diesen Mangelfächern. 

Kommt man mit Studierenden mit einem Lehrauftrag ins Gespräch, so berichten diese nicht selten von äußerst schwierigen Studienbedingungen an den Universitäten:

  • Die Durchfallquoten betragen bei den Mathematikklausuren teils bis zu 90 %. 
  • Das Lehramtsstudium in Elektro- und Informationstechnik ist so schwer, dass nur Einzelne ihre Studienabschlüsse erreichen. 
  • Physik als Unterrichtsfach wird alleine aufgrund der sehr hohen Anforderungen kaum noch gewählt. 

Da die Hochschulen nahezu keine Angaben zu den Abbruch- und Durchfallquoten publizieren, muss man auf die Studierenden direkt zugehen, um einen Eindruck der universitären Situation zu bekommen. So entstanden an den Universitäten in Darmstadt und Gießen einige persönliche Erfahrungsberichte, die zum Schutz der Betroffenen anonymisiert wurden. Die Namen der Personen sind dem Autor bekannt. 

„Mein Studium absolviere ich an der TU Darmstadt in den Fachbereichen Elektrotechnik und Mathematik. Die aktuellen Durchfallquoten in den Elektrotechnikklausuren liegen bei 60 bis 70 Prozent. Das ist der Normalfall. Ich persönlich habe diese, auch als ‚Rausschmeißerscheine‘ bekannten Klausuren mit großem Aufwand und mit bescheidenen Ergebnissen bestanden.“ (TU Darmstadt)

„2014 begann ich mein Studium mit der Absicht, Mathematik und Ernährung/Hauswirtschaft für berufliche Schulen zu studieren. Dies ist ein sehr kleiner Studiengang mit maximal 50 Studierenden pro Jahr. Wir werden Veranstaltungen zugeteilt, die bereits existieren. Meist sind die Veranstaltungen nicht auf Lehramtsstudierende ausgerichtet, sondern für Bachelor- und  Masterstudiengänge. Die Professoren setzten Wissen voraus, das wir gar nicht haben können. Es mag für einen Mathematikstudierenden zumutbar sein, sich in einer Woche 40 Stunden mit Mathematik zu beschäftigen, für einen Lehrämtler, der noch Grundwissenschaften, Didaktik, Pädagogik und ein zweites Fach studiert, jedoch nicht.“ (Universität Gießen)

„Im Wintersemester 16/17 besuchte ich die Vorlesung Lineare Algebra 1. Es hat von den L3ern (150 Studierende mit Gymnasiallehramt) nahezu keiner die Klausur bestanden. Da ich gemeinsam mit Studierenden im Bachelor-Studiengang Mathematik gelernt hatte, erfuhr ich, dass auch dort die Klausur nicht viel besser ausgefallen war. Zur Hauptklausur sind auch wieder nur ein paar L3er erschienen. Von den ‚Beruflern‘ war nur noch ich da. Alle bis auf 4 oder 5 L3er sind durchgefallen und auch ich. In der Nachprüfung habe ich dann mit wenigen anderen die Klausur bestanden.“ (Universität Gießen)

„Sommersemester 2017: Lineare Algebra 2. Die Teilnehmerzahl im Hörsaal schrumpfte im Laufe des Semesters auf etwa ein Viertel. Von den L3-Studierenden haben nur vier Leute die Hauptklausur bestanden, bei der Nachprüfung dann wieder ein paar mehr, und ich mit dabei. Wintersemester 2017/18: Analysis 1. Die Übriggebliebenen, inklusive einer Handvoll Lehramtsstudierender, konnten sich zeitlich kaum treffen, ein gemeinsames Lernen war nicht realisierbar. Obwohl ich sehr viel gelernt hatte, mehr als für alle anderen Klausuren zusammen, erreichte ich am Ende nur einen Punkt in der Klausur. Damit war für mich klar, ich müsste für die Vorbereitung der Klausuren in Analysis 2 und Stochastik jedwede zur Verfügung stehende Zeit aufwenden. Ich wechselte notgedrungen das Unterrichtsfach.“ (Universität Gießen)

Studienabbrüche: Dramatische Entwicklung

Um die zitierten individuellen Aussagen der Studierenden auf eine fundierte Datenbasis zu stellen, wurden seit Herbst 2019 mit Unterstützung des bildungspolitischen Sprechers der grünen Landtagsfraktion Daniel May die folgenden Fragen bezüglich des Lehrkräftenachwuchses an den Universitäten Gießen und Darmstadt in Gespräche mit dem Wissenschaftsministerium eingebracht:

Wie viele Studierende haben in den letzten zehn Jahren Studiengänge zum Bachelor of Education und Master of Education für das Lehramt an beruflichen Schulen in den beruflichen Fachrichtungen Elektrotechnik/IT, Metalltechnik und Informatik in Darmstadt und Gießen begonnen? 

Wie viele Personen haben die obigen Studiengänge erfolgreich abgeschlossen? 

Im Zuge dieser Gespräche konnten auch die Studienanfängerzahlen und Studienabbruchquoten an den Universitäten Darmstadt und Gießen ermittelt werden. Laut Auskunft des Wissenschaftsministeriums vom Januar 2020 haben zwischen 2009 und 2018 1.184 Studierende in Darmstadt und Gießen ein Studium zum Bachelor oder Master of Education in Elektrotechnik/IT, Metalltechnik oder Informatik begonnen. Im selben Zeitraum haben aber nur 35 Personen ein entsprechendes Masterstudium abgeschlossen. Auch die Studienabschlussquoten, die das Zentrum für Lehrerbildung Darmstadt ermittelte, bestätigen diese Entwicklung (Tabelle 1).

Ziel dieser Recherchen und Nachfragen ist explizit nicht die Diskreditierung der genannten Bildungseinrichtungen. Anschließend an eine solide und umfassende Datenerhebung muss die Ursachenanalyse bezüglich der Studienabbrüche erfolgen. Zur Beseitigung des eklatanten Mangels an qualifiziert ausgebildeten Lehrkräften, vor allem in den technischen, naturwissenschaftlichen und mathematischen Bildungsbereichen, müssen Qualität und Quantität der Universitäten Darmstadt und Gießen insbesondere im Hinblick auf eine Erhöhung der Abschlussquoten gesteigert werden.

Jürgen Stockhardt


Jürgen Stockhardt ist Diplom-Ingenieur und Fachleiter am Studienseminar für berufliche Schulen in Darmstadt. Er ist seit 35 Jahren Lehrer an einer beruflichen Schule, Mitglied des Referats Aus- und Fortbildung im Landesvorstand der GEW und der Landesfachgruppe berufsbildende Schulen der GEW.