Fachkräftemangel in der Sonderpädagogik

HLZ 6/2019: Sonderpädagogische Förderung

Ein Artikel in der Offenbach Post vom 5. April 2019 veranlasste die SPD-Landtagsfraktion zu einem dringlichen Berichtsantrag, der Anfang Mai im Kulturpolitischen Ausschuss des Landtags (KPA) erörtert wurde. Wie die Offenbach Post berichtete, führt der aktuelle Personalnotstand an der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule in Rodgau dazu, dass der Unterricht an der Förderschule tageweise für ganze Klassen komplett ausfallen muss. Bedingt durch den Lehrermangel und die Verteilung von Schülerinnen und Schülern auf andere Klassen hält die Schule „die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler für kaum noch möglich“. Nach Auffassung der SPD-Fraktion steht dies in diametralem Gegensatz zur Behauptung von Kultusminister Lorz, die Unterrichtsversorgung sei in Hessen auch im laufenden Schuljahr „vollständig gewährleistet“. Die Antwort des Hessischen Kultusministeriums (HKM) auf die detaillierten Fragen zum Mangel an Förderschullehrkräften an Förderschulen und im inklusiven Unterricht und der Zahl der Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger ohne Lehramt oder mit anderen Qualifikationen stand bei Redaktionsschluss der HLZ aus (1).

In der Ausschusssitzung räumte Lorz ein, dass es „nicht nur an dieser Schule offene Stellen“ gibt. Seit Beginn des laufenden Schuljahrs sei an 15 Förderschulen insgesamt an 64 Tagen der Unterricht ausgefallen. Die „Vakanzquote“ liege aber nur bei zwei Prozent. Die Erhöhung der Stellenzahl für Förderschullehrkräfte habe die Mangelsituation verschärft: „Es sind aktuell kaum Förderschulkräfte verfügbar, aber wir stellen alle ein, die wir bekommen können.“ Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion Christoph Degen bezeichnete es dagegen als „besorgniserregend“, dass „nur 76 Prozent der eingestellten Lehrkräfte über eine sonderpädagogische Lehrerausbildung“ verfügen und „354 Lehrkräfte an Förderschulen laut Kultusminister nur befristet beschäftigt“ sind.

Die 2018 vorgelegte umfassende Studie von Dieter Dohmen und Maren Thomsen prognostiziert zwar einen zurückgehenden Bedarf an Lehrkräften an den Förderschulen, wenn der inklusive Unterricht ausgeweitet wird: „Doch entsteht im Umkehrschluss dort ein größerer Bedarf an Lehrkräften, Sonderpädagog/innen und anderen Fachkräften zur angemessenen Betreuung von Inklusionsschüler/innen“. (2)

Die Auswertung der Zahlen des Statistischen Landesamts durch den Bildungsreferenten der GEW Hessen Roman George in der HLZ 5/2019 zeigt deutlich auf, dass der Bedarf an sonderpädagogisch qualifizierten Lehrkräften mit dem Lehramt Förderschule in den nächsten Jahren kaum gedeckt werden kann. Die Zahl der Studierenden, die erfolgreich das erste Staatsexamen an den beiden Universitäten Gießen und Frankfurt ablegen, pendelt seit Jahren um 200, zuletzt wieder mit sinkender Tendenz (3).

HLZ-Redaktion

(1) Den Berichtsantrag 20/481 und die geforderten Antworten des HKM findet man auf der Homepage des Hessischen Landtags hessischer-landtag.de > Landtagsinformationssystem


(2) Dieter Dohmen und Maren Thomsen (2018): Prognose der Schülerzahl und des Lehrkräftebedarfs an allgemeinbildenden Schulen in Hessen bis 2030. Endbericht einer Studie für die Fraktion Die Linke im Hessischen Landtag, Berlin, S. 32
(3) HLZ 5/2019; Langfassung auf unserer Seite Bildung > Aus- und Fortbildung