Carl Tesch (1902-1970)

Volksbildner und Gewerkschafter in Frankfurt

HLZ 12/2019: Erwachsenenbildung

Carl Tesch (1902–1970) gilt zurecht als „Symbolfigur für die Verbindung von Arbeiterbewegung und Erwachsenenbildung in Frankfurt nach dem Krieg“ (1). Der Sohn der Sozialdemokratin Johanna Tesch, einer der wenigen ersten weiblichen Abgeordneten in der Weimarer Nationalversammlung und von 1920 bis 1924 im Reichstag, kam 1945 aus dem Schweizer Exil in seine Heimatstadt Frankfurt zurück, wo er in der Arbeitersiedlung Riederwald aufgewachsen war. Seine Mutter Johanna Tesch war im März 1945 im KZ Ravensbrück gestorben. Schon als junger Mann hatte Carl Tesch nach einer Lehre als Werkzeugmacher an der Akademie für Arbeit in Frankfurt, später an der Hochschule für Politik in Berlin studiert, wo er als Buchhändler arbeitete (Foto). Seine Begeisterung für das Theaterspielen, die später zur Gründung der Landesbühne Rhein-Main und des Theaters Am Turm (TAT) führte, entstand übrigens in der Zeit, in der er im Lager Malvaglia in der Schweiz interniert war.

1946 wurde Tesch Geschäftsführer des Landesverbands der Hessischen Volkshochschulen, der die Arbeit des 1933 aufgelösten Verbands für Volksvorlesungen im Main- und Rhein-Gebiet wieder aufnahm. In Hessen und in Westdeutschland war er Initiator und Mitbegründer von Arbeit und Leben, der bis heute bestehenden Arbeitsgemeinschaft von Volkshochschulen und Gewerkschaften (2). Gemeinsam mit dem  hessischen DGB-Vorsitzenden Otto Scheugenpflug und Ernst Witzell vom Hessischen Volkshochschulverband sorgte er für die finanzielle Unterstützung des DGB-Bundesvorstands zur Gründung einer Bundesgeschäftsstelle.
1950 konnte er Jean Paul Sartre als Festredner für die deutsche Volksbühnentagung in der Paulskirche gewinnen, 1951 organisierte er am selben Ort den ersten Kongress der deutschen Volksbildner. In Frankfurt war er von 1948 bis 1968 Direktor des Bundes für Volksbildung, 1961 Mitbegründer der Heimvolkshochschule Falkenstein.

„Volksbildung, das war seine große Leidenschaft.“ So erinnerte sich Sonja Tesch, die vor allem mit Lesungen aus den Briefen ihrer Großmutter Johanna Tesch an die Öffentlichkeit tritt, im Gespräch mit Dieter Wesp vom Frankfurter Verein für Arbeitergeschichte im Historischen Museum. Sie erinnerte sich bei der Veranstaltung im September 2019 aber auch an einen „überzeugten Pazifisten und Antifaschisten“. Auf seine Initiative gab es in der Paulskirche die ersten, heute verschollenen Ausstellungen über das Warschauer Ghetto (1963) und die Auschwitzprozesse (1964). Die Fotos der Angeklagten mussten auf Gerichtsbeschluss entfernt werden. Reisen nach Polen und in die Tschechoslowakische Sozialistische Republik führten zu den damals üblichen Anfeindungen.

„Man durfte bei uns zu Hause nicht einfach nur meckern, sondern musste etwas tun“, erinnert sich Sonja Tesch an ihr Elternhaus. Und nach diesem Motto verhinderte Tesch beispielsweise eine Abschlussfahrt der Klasse seiner Tochter ins faschistische Spanien. „Tatkraft“ und „Energie“: Diese Worte kommen in den Erinnerungen an ihren Vater, über den sie erstmals in der Öffentlichkeit sprach, immer wieder vor:
„Er war kein Intellektueller, obwohl Bücher seine große Leidenschaft waren. Es gibt nur wenige Aufsätze, kaum Schriftliches. Seine Erinnerungen an die Zeit der Emigration wollte er im Ruhestand schreiben, genauer: Er wollte sich von mir, seiner Tochter, interviewen lassen. Doch dazu kam es nicht mehr.“

Harald Freiling


(1) Kai Gniffke: Volksbildung in Frankfurt am Main 1890 – 1990. Verlag Waldemar Kramer Frankfurt 1990, S. 66

(2) Arbeit und Leben möchte mit seinen Bildungsangeboten dazu beitragen, „dass sich die ARBEIT und das LEBEN der Menschen nach den Kriterien von sozialer Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Solidarität mit dem Ziel einer demokratischen Kultur der Partizipation entwickeln können“. Der Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben ist der Dachverband der entsprechenden Einrichtungen in den Ländern und Kommunen. Alle weiteren Infos und Links findet man unter www.arbeitundleben.de bzw. unter www.aul-hessen.de.