„…war doch nur ein Witz!"

Antisemitismus an Schulen ist traurige „Normalität"

HLZ 1-2/2022: Demokratie und Menschenrechte

Antisemitismus ist an Schulen heute „Normalität“. Er äußert sich in Form von gängigen Schimpfworten und verbalen Angriffen bis hin zu körperlichen Übergriffen. Aber er äußert sich auch subtil in Form von Anspielungen, versteckten Codes oder unterschwelligen Abwertungen. Dabei werden antisemitische Handlungen häufig nicht als Angriffe und Verletzungen erkannt, die entschiedene Interventionen und Agieren erfordern. Viele Lehrkräfte betrachten den Schimpfwortgebrauch „Jude“ gar nicht als antisemitisch, denn sie unterstellen, dass etwas, was „gar nicht bös gemeint“ ist oder als „Scherz“ oder „Provokation“ geäußert wurde, keine antisemitischen Inhalte enthalten kann. Wenn Schüler:innen jedoch nicht wissen, dass ihre Äußerung gerade antisemitisch war, heißt das nicht, dass sie nicht antisemitisch ist. Dass sie es nicht wissen, bedeutet nicht, dass sie damit niemanden angreifen. Antisemitische Handlungen und Äußerungen dürfen nicht auf diese Weise verharmlost, relativiert oder negiert werden. Es darf also nicht zu einer Trivialisierung kommunikativer Gewalt kommen:
„Solche Verharmlosungen sind gefährlich, weil sie zur Stigmatisierung jüdischer Identität beitragen. Diese Stigmatisierung ist fast unmöglich zu bekämpfen, wenn es als ‚nicht so schlimm‘ verharmlost, nicht ernst genommen, ignoriert, banalisiert bzw. bagatellisiert wird. Auch wenn es wichtig ist, die Motivation, Intention und den Kontext der Beschimpfung zu verstehen, auch die gleichsam selbstverständlich reproduzierte Alltagsbenutzung des Wortes ‚Du Jude‘ als Schimpfwort ist eine Form des Antisemitismus, die reale negative Auswirkungen auf Juden in Deutschland und auf das gesamtgesellschaftliche Klima hat.“ (1)

Unsere Erfahrung in der Arbeit mit Lehrkräften ist, dass Lehrkräfte sensibilisiert werden müssen, Antisemitismus zu erkennen. Das erfordert einen selbstreflexiven Blick auch auf die eigenen Denkmuster, die unbewusste antisemitische Stereotype enthalten und dadurch antisemitische Argumentationen reproduzieren können. Aber es geht nicht nur darum, Antisemitismus zu erkennen, sondern auch darum, ihn zu benennen. In der Besprechung historischer und gegenwärtiger Formen des Antisemitismus stellen wir häufig fest, dass gar nicht benannt wird, worin seine Argumentationsgrundlagen, seine Merkmale und seine Struktur bestehen. Wir hören manchmal, etwas sei „ganz klar und eindeutig antisemitisch“. Aber häufig wird gar nicht begründet, was genau daran antisemitisch ist. Das ist aber fatal, denn Schüler:innen brauchen genau diese Begründung und Argumentation, um zu verstehen, was hier nicht in Ordnung ist. Im Sinne der Aktivierung der „Bystander“, der Beteiligten, die antisemitische Vorfälle beobachten und entweder schweigen oder aktiv eingreifen können, ist es immens wichtig, genau diese Begründung und Argumentation offen und direkt zu äußern.

Selbstreflexiver Blick auf eigene Denkmuster

Viele Lehrkräfte wollen etwas tun, aber sind unsicher und wissen nicht, wie sie mit konkreten Fällen im schulischen Alltag umgehen sollen. Wie können Lehrkräfte auf konkrete Vorfälle und Fallbeispiele professionell reagieren? Wie können sie intervenieren, Handlungen stoppen und vor allem auch Betroffene schützen? Allerdings gibt es kein einfaches Rezept, an das sich Lehrkräfte halten können und das schnell und einfach angewendet werden kann. Vielmehr braucht es Praxisreflexionen und Möglichkeiten gemeinsamer Besprechungen im Sinne kollegialer Fallbearbeitung, in denen Lehrkräfte Handlungssicherheit gewinnen und gemeinsam Handlungsstrategien erarbeiten können. Externe Moderation und Expertisen ermöglichen es, blinde Flecken aufzudecken und  der Komplexität des Themas gerechter zu werden. Die Perspektive von Betroffenen hat dabei Priorität für die Frage des sinnvollen und effektiven Umgangs mit Antisemitismus, denn Ziel der Handlungen ist der Schutz von Betroffenen. (2)

Die Arbeit gegen Antisemitismus ist eine Aufgabe für die gesamte Schule. Im Blick auf aktuelle Formen des Antisemitismus ist es wichtig, diesen nicht auf den nationalsozialistischen Antisemitismus, auf den Holocaust bzw. die Shoah zu reduzieren. Antisemitismus ist ein Thema für alle Schularten und Fächer, nicht nur für das Fach Geschichte. Häufig findet die Auseinandersetzung mit Antisemitismus jedoch fachgebunden im Geschichts- oder Politikunterricht statt. Außerhalb dieser Fächer gibt es in der Regel keine Zuständigkeit dafür, das Thema anzusprechen und zu vertiefen. Verantwortlich sind dann ein paar wenige Lehrkräfte. Diese Entscheidung über die Verortung des Themas und die Zuweisung von Verantwortung an ein paar wenige Lehrkräfte wird der schulorganisatorischen Aufgabe des Schutzes vor Diskriminierung nicht gerecht:
„Diskriminierungsschutz sollte institutionell verankert sein und so deutlich zu einer gesamtschulischen Aufgabe werden, der sich alle am Schulkontext Beteiligten verpflichtet sehen. Aus der aus dem Bildungs- und Erziehungsauftrag abzuleitenden Pflicht, Schüler:innen vor Diskriminierung zu schützen, folgen Organisationspflichten der Schule, diesen Schutz zu gewähren.“ (3)

Das Eingreifen bei antisemitischen Äußerungen oder Handlungen darf nicht davon abhängig gemacht werden, ob es an der Schule Juden und Jüdinnen gibt. Oftmals betrachten Lehrkräfte Handlungen erst dann als antisemitisch, wenn Jüdinnen und Juden anwesend sind und er gegen diese gerichtet ist. Antisemitismus wird jedoch auch geäußert, wenn keine Jüdinnen und Juden anwesend sind. Ansonsten entsteht eine besorgniserregende Dynamik:
„Während Antisemitismus für viele jüdische Schüler*innen der Grund ist, ihre Identität zu verbergen, wird die Unsichtbarkeit jüdischer Schüler*innen für Lehrer*innen zum Grund, Antisemitismus nicht als Problem wahrzunehmen.“ (4)

Der 2017 für den Expertenrat Antisemitismus erstellte Studienbericht „Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland“ von Julia Bernstein und anderen war die erste Studie, die bei der Recherche, wie sich Antisemitismus an deutschen Schulen ausdrückt, auch nach den Perspektiven von Jüdinnen und Juden fragte. Ergebnis dieser Studie war, dass Juden und Jüdinnen ihre Identität nicht immer sichtbar in der Öffentlichkeit zeigen. Aus Sicherheitsgründen vermeiden 58 % der Befragten bestimmte Stadtteile oder Orte und 70 % tragen keine äußerlich erkennbaren jüdischen Symbole, weil sie Angst vor Angriffen haben (5). Diese Unsichtbarkeit jüdischer Identität zeigt sich auch in Schulen, denn für viele Jüdinnen und Juden gehören Erfahrungen mit Antisemitismus zum Alltag.

Tami Rickert
Tami Rickert ist Bildungsreferentin der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt.


(1) Julia Bernstein u.a. (2018): „Mach mal keine Judenaktion“ - Herausforderungen und Lösungsansätze in der professionellen Bildungs- und Sozialarbeit gegen Antisemitismus. S. 7
(2) Weltbild Antisemitismus. Didaktische und methodische Empfehlungen für die pädagogische Arbeit in der Migrationsgesellschaft. Hrsg.: Bildungsstätte Anne Frank. Download:

bit.ly/3pehB9d


(3) Julia Bernstein u.a. (2018): a.a.O., S. 323
(4) Julia Bernstein u.a. (2018): a.a.O., S. 337
(5) Julia Bernstein u.a. (2017): Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland. S.4