Bildung und Erziehung als Einheit

Thüringen: Lehrkräfte und Erzieher:innen sind ein Kollegium

HLZ 7-8/2022: Rechtsanspruch Ganztag?

Werden 60 Prozent der Eltern von Grundschulkindern das Recht auf eine Ganztagsbetreuung in Anspruch nehmen oder gar 70 Prozent? Oder vielleicht doch nur die Hälfte? Über diese Fragen rätselten Abgeordnete des hessischen Landtags in der Debatte über die Vorkehrungen, die für den Rechtsanspruch ab dem Schuljahr 2026/2027 zu treffen sind (HLZ S.10f.). Ohne Glaskugel kommen die Schulen in Thüringen aus, wo seit vielen Jahren mehr als 80 Prozent der Eltern die Vorteile einer ganztägigen Betreuung in offenen Ganztagsgrundschulen zu schätzen wissen und aktiv nutzen. Aktuell liegt die Hortbeteiligungsquote bei 84,7 Prozent.

Auf Einladung der Fraktion Die Linke, Teil der rot-rot-grünen Koalition und der Minderheitsregierung in Thüringen, und des GEW-Landesverbands Thüringen informierten sich hessische Kolleginnen und Kollegen des DGB und der GEW über die Erfahrungen und Strategien auf dem Weg zur Ganztagsgrundschule im Nachbarland. Der Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung für Kinder im Grundschulalter ist dort nicht eine Frage der Zukunft, sondern seit 2010 in § 10 des Thüringer Schulgesetzes festgeschrieben:
„An den Grundschulen und Gemeinschaftsschulen mit Primarstufe sollen zur außerunterrichtlichen Bildung, Betreuung und Förderung der Schüler Schulhorte geführt werden (offene Ganztagsschule).“

Die Schulen sollen täglich einen Zeitrahmen von bis zu zehn Zeitstunden, in der Regel von 7 bis 17 Uhr, abdecken können, der Unterricht, Essens- und Bewegungspausen, Hausaufgabenbetreuung, Förderangebote und offene Projekte umfasst. Damit wird die bundesgesetzliche Vorgabe für den Ganztagsanspruch ab dem Schuljahr 2026/2027 von acht Stunden deutlich übertroffen. Deshalb, so Bildungsminister Helmut Holter (Die Linke) im Gespräch mit der GEW Hessen, „müssen in Thüringen keine neuen Schritte unternommen werden“. Holter zeigt sich über die Unterschiede zu Hessen nicht verwundert, denn in allen östlichen Bundesländern ist die Ganztagsbetreuung im Grundschulalter für Eltern eine Selbstverständlichkeit: „Das gehört zu den Traditionslinien der Menschen, die in der DDR gelebt haben, und ist auch Ausdruck eines anderen Frauen- und Familienbildes.“ Er lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass die Bildungspolitik in Thüringen „immer vom Kind her denkt, was das beste für das Kind ist“. Man arbeite deshalb nicht gegen die Familien, sondern in enger Abstimmung mit den Eltern. Alle Befragungen zeigten eine hohe Zufriedenheit der Eltern und der Beschäftigten. Das ist für Holter, der seit 2017 im Amt ist, aber auch ein Ergebnis der guten Zusammenarbeit von Lehrkräften und Erzieherinnen und Erziehern, die die Ganztagsschule in Thüringen gemeinsam gestalten.

Getrennte Verantwortung erschwert Kooperation
Ein „Alleinstellungsmerkmal“ der Schulentwicklung in Thüringen ist die Tatsache, dass Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher, die aus den Horten in die Kollegien integriert wurden, gleichermaßen beim Land beschäftigt sind. Das war auch in Thüringen nicht immer so. Noch in der Regierungsverantwortung der Koalition von CDU und SPD startete 2012 ein Modellprojekt zur Kommunalisierung der Grundschulhorte, an dem sich in Spitzenzeiten zwei Drittel der Schulträger beteiligten. Während die Lehrkräfte beim Land beschäftigt sind, wurden die Horterzieherinnen und Horterzieher bei den kommunalen Schulträgern angestellt. „Der Zusammenarbeit der beiden Professionen, der Einheit von Bildung und Erziehung hat das nicht gut getan“, sagt Marion Dörfler, die im Bildungsministerium für Schulentwicklung zuständig ist. Obwohl die Erzieherinnen und Erzieher vollständig vom Land refinanziert wurden, führte die getrennte Personalverantwortung zu erheblichen Friktionen und schließlich auch zu deutlichen Mehrkosten. Die Mehrheit des Landtags entschied deshalb 2016, das Projekt nach einer qualitativen und quantitativen Evaluation zu beenden.

Einen „Aufstand im Land“ hat es auch nach Erinnerung der Vorsitzenden der GEW Thüringen Kathrin Vitzthum nicht gegeben. Für die GEW, die sich von Anfang für eine Anbindung aller Beschäftigten an das Land ausgesprochen hatte, ging es damals vor allem um die Aufstockung der Arbeitsverträge der Erzieherinnen und Erzieher, deren Arbeitszeit zu diesem Zeitpunkt noch auf 50 Prozent einer Vollzeitstelle gedeckelt war. Insbesondere in Folge des starken Rückgangs von Geburten und Einwohnerzahlen und der hohen Arbeitslosigkeit waren den Horterzieherinnen und Horterziehern in den neuen Bundesländern nach der Wende im Rahmen von Floating-Vereinbarungen erhebliche Einkommensverluste zugemutet worden, um Arbeitsplätze zu erhalten. Mit der Rückkehr in den Landesdienst war das Angebot zur Aufstockung auf zunächst 65 Prozent im Juni 2018 und auf 80 Prozent im Februar 2021 verbunden. Kathrin Vitzthum sieht darin „einen Riesenerfolg“ der GEW Thüringen auf dem Weg, dass Menschen von ihrer Arbeit auch leben können. Auch dass ältere Kolleginnen und Kollegen, die ihre Ausbildung noch in der DDR absolviert haben und damit über eine Unterrichtserlaubnis für ein Fach verfügen, ihren Arbeitsvertrag zusätzlich um vier bis sechs Unterrichtsstunden aufstocken können, sieht Kathrin Vitzthum positiv. Dies eröffne „weitere Aufstiegsperspektiven, über die wir gern mit dem Ministerium reden wollen“. Ihre Vorbehalte gegen die Kommunalisierung sollten auch in Hessen gehört werden: „Das Recht aller Kinder in Thüringen auf eine gute Ganztagsbetreuung darf nicht von der Finanzlage der Kommune abhängen.“ Für den Beitrag der Eltern zu den Personalkosten der Betreuung gibt es eine soziale Staffelung und eine landeseinheitliche Obergrenze von 50 Euro pro Kind und Monat.

Ein Blick in den Schulalltag
Einen Eindruck vom Zusammenwirken von Lehrkräften und Erzieherinnen und Erziehern im schulischen Alltag konnte  die Delegation der GEW Hessen bei einem Besuch der Grundschule Hans Christian Andersen in Walschleben im Landkreis Sömmerda gewinnen. In der dreizügigen Grundschule mit 251 Schülerinnen und Schülern liegt die Ganztagsquote bei 98 Prozent. Einen Frühhort gibt es bereits ab 6 Uhr, der Späthort endet um 17 Uhr. Für das Mittagessen bezahlen die Eltern 2,20 Euro pro Tag, der vom Schulträger zusätzlich erhobene Betriebskostenanteil beträgt maximal 20 Euro.

Die 15 Lehrkräfte und 12 Erzieherinnen und Erzieher arbeiten in festen Klassenteams, so dass insbesondere das Mittagessen, die Hausaufgabenbetreuung und die schulischen Förderangebote klassenbezogen organisiert sind. Jede Erzieherin ist eine bis zwei Stunden im Unterricht dabei und erlebt so auch die schulischen Fortschritte der Kinder. Die AG-Angebote am Nachmittag von der Theater-AG über die „kleinen Naturforscher“ bis zur Holzwerkstatt sind frei wählbar, die Musikschule Liebeck ist als Partner einbezogen. Dies ist nach den Worten von Kathrin Vitzthum keine landesweite Vorgabe: „Da jedes Kollegium ein eigenes Konzept erarbeitet, gibt es außerhalb des Unterrichts auch offenere Strukturen.“

Wie alle anderen Grundschulen im Thüringen ist auch die Grundschule Hans Christian Andersen in Walschleben trotz der fast 100-prozentigen Teilnahme am Ganztagsangebot keine gebundene, rhythmisierte Ganztagsgrundschule. Längere Frühstücks- und Bewegungspausen zwischen den Unterrichtsblöcken sorgen allerdings dafür, dass der Unterrichtsvormittag von der ersten bis zur sechsten Stunde von 7.30 Uhr bis 13.20 Uhr rund sechs Stunden umfasst. Trotzdem hält die rot-rot-grüne Koalition in Thüringen die gebundene, rhythmisierte Ganztagsgrundschule für das richtige pädagogische Konzept, doch ist der Weg dorthin noch weit. Bildungsminister Holter verweist auf die hohen Kosten, den zusätzlichen Raumbedarf und den auch in Thüringen zu verzeichnenden Personalmangel, Kathrin Vitzthum auf „viele ungelöste Fragen bezüglich der Arbeitszeit und fester Arbeitsplätze für die Lehrkräfte“. Auch die GEW-Vorsitzende plädiert deshalb dafür, den in Thüringen bereits bestehenden Rechtsanspruch und die Zusammenarbeit der Professionen im Rahmen einer offenen Ganztagsschule vor allem qualitativ weiterzuentwickeln.

Harald Freiling, HLZ-Redakteur

Foto (von rechts): Bildungsminister Helmut Holter, Julia Langhammer (DGB Hessen-Thüringen), Kathrin Vitzthum (Vorsitzende GEW Thüringen), Thilo Hartmann (Vorsitzender GEW Hessen, Robin Stock (Landesfachgruppe Grundschule der GEW Hessen), Kai Eicker-Wolf (Referent für Finanzfragen der GEW Hessen)