Partner für Schulen, Ausbildung und Fortbildung

GEW und IG Metall kooperieren

HLZ 3/2022: Gewerkschaften

Seit einigen Jahren bieten die IG Metall und die GEW jährlich eine gemeinsame Fortbildung für Lehrkräfte an. Begonnen haben wir mit Themen wie der Wirtschafts- und Finanzkrise oder der Globalisierung. Zuletzt rückten die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf die Arbeitswelt in unseren Fokus. Und zwar stets unter der Perspektive: Welche Bedeutung haben diese Entwicklungen für das schulische Lernen und die Berufsorientierung? Zu all diesen Themen haben Gewerkschaften und die Kolleginnen und Kollegen aus Betrieb und Wissenschaft viel Expertise, die für Schulen interessant ist und die wir vermitteln wollen. Denn die Sicht von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern kommt in Schulen – und nicht zuletzt in Fortbildungen - insgesamt zu kurz (HLZ S.18 f.).

Gerahmt von wissenschaftlichen, pädagogischen und methodischen Seminareinheiten besteht das Herzstück der dreitägigen Fortbildungen in einer Betriebserkundung in einem Metallunternehmen. Ob bei Siemens, Daimler, Opel oder Rolls Royce – die Teilnehmenden hatten hier die seltene Möglichkeit, sich in den Werkshallen die Produktion anzuschauen und ihre Fragen mit dem Betriebsrat, der Jugend- und Auszubildendenvertretung, der Ausbildungsabteilung und der Geschäftsführung zu klären.

Neben Fragen zum Seminarthema – in diesem Jahr ist es die Digitalisierung der Arbeitswelt – sind dabei stets auch die Lern- und Berufswege junger Menschen zentral: Für welche Berufe bildet der Konzern aus? Wie hoch ist der Anteil von Mädchen und Frauen in den technischen Berufen? Werden die Auszubildenden übernommen? Was wird von Schülerinnen und Schülern beim Auswahlverfahren für die Ausbildung erwartet? Da der zeitliche Umfang des Seminars nur eine „Betriebserkundung light“ zulässt, vermitteln wir zudem die – pädagogisch anspruchsvolle – Methode der Betriebserkundung, die, vor allem wenn es auf den Schulabschluss zugeht, eine attraktive Methode für junge Menschen ist, um Einblicke in die Arbeitswelt oder Berufsbilder zu erhalten.

Bei den klassischen „Betriebsbesuchen“, die oft einer Werbe- und Informationsveranstaltung gleichen und eher die offizielle Unternehmersicht präsentieren, werden Konflikte im Betrieb, Interessen von Auszubildenden oder auch Mitwirkungsrechte in der Regel ausgespart. Aber auch die in den letzten Jahren veröffentlichten Konzepte zur anspruchsvolleren Betriebserkundung sind von der Wirtschaft dominiert und vielfach methodisch und fachlich verkürzt. Uns liegt hingegen daran, dass die Teilnehmenden „erfahren“, wie ertragreich „echte“ und multiperspektivische Begegnungen im Betrieb sein können. Eine Betriebserkundung erlaubt nicht nur Einblicke in Produktion und Geschäftsfelder, sondern öffnet den Blick auf die Organisation, die Hierarchie, die sozialen Beziehungen und die Menschen in Betrieb und Arbeitswelt.

Mit unseren Fortbildungen möchten wir Lehrkräfte dazu ermuntern, Gewerkschaften und betriebliche Interessenvertretungen als Partner bei der Gestaltung der Arbeitswelt- und Berufsorientierung zu begreifen, um ihren Unterricht, ihre Berufsorientierungsangebote und das Spektrum der Inhalte zu bereichern. Eigentlich möchten wir sogar noch mehr: Die Arbeitswelt- und Berufsorientierung sollte sich weder zum Spielfeld wirtschaftlicher Denkweisen machen noch  im Sinne einer schlichten Berufswahlorientierung für Arbeitsmarktkonjunkturen instrumentalisieren lassen. Vielmehr sollte sie sich selbstbewusst als Teil des allgemeinbildenden Auftrags von Schulen definieren, der auf Demokratiefähigkeit, Teilhabe, Interessen geleitetes Handeln und Werte wie Solidarität zielt.

Nach zwei Jahren Pandemie kündigen wir gerne das nächste Seminar an (siehe Kasten). Mit der zunehmenden Digitalisierung sind enorme Veränderungen in der Gesellschaft, in der Arbeitswelt sowie im Bildungsbereich verbunden. Auf welche Arbeits- und Lebenswelt müssen Lehrkräfte Schülerinnen und Schüler vorbereiten? Wie verändern „Digitaler Kapitalismus“ und „Künstliche Intelligenz“ das Wirtschaften, Arbeiten und Lernen in Zukunft? Welche Chancen und Risiken birgt die Digitalisierung? Wer wird künftig überhaupt noch gebraucht? Welche Qualifikationen und Kompetenzen werden benötigt? Wie bilden Betriebe für diese Arbeitswelt aus? Welche Gestaltungsmöglichkeiten hat hierbei die gewerkschaftliche Interessenvertretung? Was bedeuten die Veränderungen für die schulische Berufsbildung, Berufsorientierung und Medienbildung? Für die Klärung dieser Fragen stehen uns auch im diesjährigen Seminar Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Expertinnen und Experten aus der gewerkschaftlichen und betrieblichen Praxis zur Verfügung. Auch ein Besuch in einem Betrieb der Metallindustrie steht auf dem Programm.

Martina Schmerr, GEW-Hauptvorstandsbereich Schule